Zur Person

1. Lebenslauf

Johann Braun wurde 1946 in Ludwigshafen a.Rh. geboren. Er absolvierte das dortige Max-Planck-Gymnasium und studierte ab 1966 Rechtswissenschaft in Heidelberg und ab 1969 in Mannheim. Dort wurde er nach dem Ersten Juristischen Staatsexamen zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter und nach dem Zweiten Juristischen Staatsexamen wissenschaftlicher Assistent von Hans-Martin Pawlowski. 1979 promovierte er über ein Thema aus dem Grenzbereich von Zivil- und Zivilprozeßrecht und habilitierte sich 1982 für die Fächer Zivilprozeßrecht, Bürgerliches Recht, Rechtsphilosophie und Privatrechtsgeschichte der Neuzeit. Nach kurzer Lehrstuhlvertretung und Ausschlagung eines Rufes nach Gießen wurde Braun 1983 ordentlicher Professor in Trier. Von dort folgte er 1988 einem Ruf auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Zivilprozeßrecht, Bürgerliches Recht und Rechtsphilosophie in Passau. Einen Ruf nach Tübingen lehnte er 1995 ab. Seit 2011 befindet er sich im Ruhestand.

2. Publikationen

Brauns Publikationen sind teils rechtsdogmatischer, teils rechtsphilosophischer, rechtsmethodischer oder zeitgeschichtlicher Art.

a) Rechtsdogmatik

Die rechtsdogmatischen Werke sind vor allem dem Zivilprozeßrecht gewidmet, das Braun als „formelles“ Pendant zum materiellen Zivilrecht versteht und daher mit diesem weitgehend abzustimmen versucht. In der Sache wendet er sich damit gegen eine namentlich in Deutschland verbreitete Schule, die das Zivilprozeßrecht primär als „öffentliches Recht“ behandelt und von den Wertungen des materiellen Rechts abkoppelt. Das Verhältnis von materiellem Recht und Prozeßrecht hat Braun zunächst exemplarisch in einigen Monografien (Rechtskraft und Restitution, 2 Bde. 1979/1985; Rechtskraft und Rechtskraftdurchbrechung von Titeln über sittenwidrige Ratenkreditverträge, 1986; Grundfragen der Abänderungsklage, 1994) und zuletzt in seinem Lehrbuch des Zivil-prozeßrechts (2014) auch systematisch behandelt.

b) Rechtsphilosophie

Die Aufgabe der Rechtsphilosophie erblickt Braun darin, über das geltende Recht und die darüber kursierenden Vorstellungen zu reflektieren und herauszuarbeiten, was Gerechtigkeit hier und heute bedeuten kann. Eine primär logisch oder sprachanalytisch geprägte Rechtstheorie erscheint danach von sekundärem Interesse. Als Versuch, „das was ist zu begreifen“ (Hegel), soll die Rechtsphilosophie vielmehr dem Recht in die Niederungen der Realität folgen und sich nicht auf die Konstruktion von Gedankensystemen verlegen, die keine Berührung zur Lebenswelt haben.

Wie Braun in seiner „Einführung in die Rechtsphilosophie“ dargelegt hat, weist der Gedanke der Gerechtigkeit unterschiedliche Aspekte auf, die u.a. in den Denkmustern des (sozialistischen) Utopismus, des (liberalen) Rationalismus und des (konservativen) Institutionalismus zum Ausdruck kommen. Braun hält es für verfehlt, einen dieser Aspekte auf Kosten der anderen zu verabsolutieren. Ziel muß es vielmehr sein, diese Aspekte zu einer praktischen Konkordanz zu bringen. Angesichts der Geschichtlichkeit allen Rechts führt dies zu historisch unterschiedlichen Lösungen.

c) Juristische Methodenlehre

In der juristischen Methodenlehre greift Braun einen Gedanken seines Lehrers Pawlowski auf und führt ihn auf einer anderen Basis näher aus. Danach ist das Gesetz im Gegensatz zur Imperativentheorie kein Willens-, sondern ein (organisierter) Erkenntnisakt. Bei der Rechtsanwendung geht es infolgedessen nicht darum, den vermeintlichen Willen des Gesetzgebers zu erforschen und auszuführen, sondern ausgehend von der im Gesetz verkörperten Erkenntnis die im konkreten Fall richtige Entscheidung zu finden.

Die Aufgabe des Rechtsanwenders weist dabei manche Ähnlichkeit mit der Tätigkeit eines Gesetzgebers auf: Im Zweifelsfall muß auch er die richtige Entscheidung in einem Akt produktiver juristischer Phantasie finden. Ob die von ihm auf diesem Weg entworfene Entscheidungshypothese richtig ist, erweist sich dadurch, ob sie einem Überprüfungsverfahren anhand des Gesetzes standhält. Die herkömmlichen Verfahren der Gesetzesauslegung (historische, semantische, grammatische, systematische und teleologische Auslegung) erfahren dadurch eine Umkehr: Sie dienen nicht der Verifizierung, sondern dem Versuch der Falsifizierung einer Auslegungshypothese. Der Widerspruch zu auch nur einem dieser Canones genügt, um eine Auslegung zu Fall zu bringen – es sei denn, es gelingt, diesen Widerspruch durch vorrangige Überlegungen zu rechtfertigen.

d) Rechts- und Zeitgeschichte

Angeregt durch die Beschäftigung mit der Rechtsphilosophie Hegels, hat sich Braun die Aufarbeitung von Leben und Werk des Juristen Eduard Gans (1797 – 1839), eines Weggenossen und Schülers von Hegel, zur Aufgabe gemacht. Die Schriften, die er diesem Zweck gewidmet hat, sind teils Beiträge über den Einfluß des Hegelianismus in der Rechtswissenschaft, teils solche zur Geschichte der Juden in Deutschland. Denn Gans war jüdischer Herkunft und einer der Vorkämpfer der Judenemanzipation, was in sein publizistisches Wirken vielfach hineinspielt..

Im Gefolge dieser Studien hat Braun die These aufgestellt, die deutsch-jüdische Symbiose im 19. Jahrhundert sei eine Art Modellfall einer rudimentären multikulturellen Gesellschaft und der Antisemitismus ein Beispiel für die Konflikte, die dadurch ausgelöst werden können (JBJZg 3 [2001/2002], 287). Dies hat zum Teil zu heftigen Reaktionen geführt (Festschrift Adomeit, 2008, 83).

Die Auswirkungen der seit der 1968er Kulturrevolution eingetretenen Veränderungen hat Braun in einer Reihe kritischer Publikationen (u.a. Ehe und Familie am Scheideweg, 2002; Wahn und Wirklichkeit. Über die innere Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, 2008; Ein Leben in Deutschland, 2018; 1968 – Eine Bilanz, 2018; Hambacher Feste. Nationale Einheit und Freiheit gestern und heute, 2019) scharf aufs Korn genommen. Dem liegt die Einschätzung zugrunde, daß Deutschland seine große Zeit hinter sich hat und sich auf dem Weg in die historische Bedeutungslosigkeit befindet. Auch damit hat Braun empfindsame Gemüter gegen sich aufgebracht, was u.a. in der Einleitung eines gegen ihn gerichteten Disziplinarverfahrens zum Ausdruck kam.

e) Kunst und Recht

Mit dem Kunstrecht im eigentlichen Sinn hat Braun sich nur beiläufig beschäftigt. Die Einbeziehung der bildenden Kunst ist für ihn jedoch ein Mittel, die vielfältigen Verstrickungen des Rechts mit der Wirklichkeit anschaulich zur Darstellung zu bringen. Die in dem Werk „Kunstprozesse von Menzel bis Beuys“ (2. Aufl. 2009) versammelten Prozeßgeschichten fallen daher mehr in die Rubrik der zeitgeschichtlich-juristischen Bildungsliteratur.