Was ist des Deutschen Vaterland?


Leicht gekürzt in: Tumult 2021/III, S. 92 – 97


Wechselbad der Gefühle
Das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Land ist gespalten. Es schwankt zwischen Verklärung und Haß, zwischen Liebe und Larmoyanz. Für viele ist Deutschland Traum und Alptraum zugleich. Dieses Wechselbad der Gefühle hat viele Gründe, und einige reichen weit in die Geschichte zurück. Seit dem westfälischen Frieden bestand das Alte Reich aus etwa 300 selbständigen Territorien, die durch das Kaisertum kaum mehr als symbolisch zusammenge-halten wurden. Für Pufendorf war dieser Flickenteppich "monstro simile"1, für Schiller ein Rätsel:
"Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden."2

Und Hegel eröffnete seine Verfassungsschrift 1802 lapidar mit dem Satz: "Deutschland ist kein Staat mehr".3

Nachdem der Reichsdeputationshauptschluß 1803 mehr als 100 Territorien aufgehoben und damit die Kleinstaaterei ansatzweise beendet hatte, wurde das Alte Reich auf Betreiben Napoleons 1806 überhaupt aufgelöst. Die verbliebenen Staaten gingen fortan eigene Wege. Das veranlaßte Ernst Moritz Arndt während der Freiheitskriege zu dem Gedicht:
"Was ist des Deutschen Vaterland?
Ist's Preußenland, ist's Schwabenland?
Ist's, wo am Rhein die Rebe blüht?
Ist's, wo am Belt die Möwe zieht?",
wobei immer wieder der Zweizeiler antwortet:
"O nein! nein! nein!
Sein Vaterland muß größer sein,"
bis es schließlich heißt:
"Das ganze Deutschland soll es sein."4
Zu einer staatlichen Vereinigung ganz Deutschlands kam es indessen auch nach den Befreiungskriegen nicht. Der 1815 geschaffene Deutsche Bund war ein völkerrechtliches Gebilde aus knapp 40 staatlichen Einheiten, dem im Spiel der europäischen Mächte nur eine untergeordnete Rolle zukam. Im pfälzischen Hambach – damals zu Bayern gehörend – wurde 1832 der Versuch unternommen, eine politische Einigung von unten in die Wege zu leiten – vergeblich. Stattdessen geriet das linksrheinische Gebiet, das bereits in napoleonischer Zeit von Frankreich annektiert gewesen war, erneut in den Focus französischer Begehrlichkeiten. Vor diesem Hintergrund schrieb Hoffmann von Fallersleben 1841 sein bekanntes Gedicht, das viele Jahre später in einer ähnlich desolaten Situation zur deutschen Nationalhymne wurde:
"Deutschland, Deutschland, über alles,
über alles in der Welt,
wenn es stets zu Schutz und Trutze
brüderlich zusammenhält; ..."
Nachdem eine Neugründung Deutschlands auch im Zuge der Revolution von 1848 gescheitert war, gelang dieses Unternehmen wider alles Erwarten schließlich 1871 durch die Politik Bismarcks. Die dadurch ausgelöste Euphorie schien keine Grenzen zu kennen. "Und wem verdanken wir es", schrieb damals der Jurist Rudolf von Jhering. "Wem anders als dem vielgeschmähten Bismarck!... Ich komme den ganzen Tag aus dem Jubel und dem Entzücken nicht heraus."5 Was folgte, war der wirtschaftliche und wissenschaftliche Aufschwung Deutschlands zur führenden Macht Europas.

Das wurde von Frankreich und England, die selbst die Führungsrolle beanspruchten, nicht gern gesehen. Zwei verlorene Weltkriege warfen Deutschland weit hinter das Erreichte zurück. Innerlich und äußerlich am Boden zerstört, mußte man 1945 in vieler Beziehung von vorn beginnen und nach neuen Wegen suchen. Davon kündet der 1949 entstandene Text der DDR–Hymne von Johannes Becher:
"Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland."
Mit dem "einig Vaterland" war das freilich so eine Sache; denn was von Deutschland übrig geblieben war, war zweigeteilt: die BRD ein Satellitenstaat der USA, die DDR ein solcher der Sowjetunion. Als sich zeigte, daß wegen des Gegensatzes der Supermächte mit einer Wiedervereinigung nicht zu rechnen war, wurde das Singen der DDR-Hymne 1972 untersagt; die Melodie durfte nur noch gesummt werden, damit niemand bei den Worten "einig Vaterland" auf unerwünschte Gedanken kommen konnte. 1949 schrieb Becher indessen noch einen anderen Text, welcher der Hymne, die mehr einem Lehrgedicht glich, poetisch weit überlegen war:
"Heimat, meine Trauer,
Land im Dämmerschein,
Himmel, du mein blauer,
du mein Fröhlichsein." 6
In wenigen Worten kommt hier der Schmerz zum Ausdruck über das, was Deutschland erlitten und was es anderen angetan hatte, zugleich aber auch die tiefe Verbundenheit mit dem Land, dem man nun einmal angehörte, ob man wollte oder nicht. Hier ist nichts zu spüren von der Selbstgewißheit eines "right or wrong – my country"; Becher greift vielmehr die Stimmung eines "quand même" auf – trotz alledem, denn wir haben keine andere Heimat, und wer zu dieser nicht ja sagt, ist heimatlos.

II. Erosion des Nationalbewußtseins
In dieser Lage befinden sich derzeit viele. Allerdings empfinden dies durchaus nicht alle als Verlust, am wenigsten die Anywheres, die sich jeden Tag woanders aufhalten, immer auf der Suche nach einträglichen Geschäften und anderen Vorteilen, polyglott und mit hinreichend Geld versehen, was es ihnen erlaubt, auf die Somewheres, also die nach wie vor Seßhaften und auf so etwas wie Heimat Angewiesenen, geringschätzig herabzublicken. "Alles, was 'global' ist, erscheint ihr als gut", urteilte Ralf Dahrendorf über die Klasse der Anywheres schon vor Jahren. "Was sie aber entschieden ablehnt, ist die nationale Dimension... [D]ie Zugehörigkeit zu einem Land wird als lästig empfunden."7 Das gilt mittlerweile aber auch für die meisten der Jüngeren, und zwar sowohl für diejenigen, die sich die Verhaltensmuster der globalen Klasse zum Vorbild nehmen, als auch für die linken Schwärmer, denen ein globales Utopia als Paradies erscheint. Bei dieser Klientel hat sich die Aversion gegenüber dem eigenen Land teilweise zu einem unbändigen Haß gesteigert, der in Parolen kulminiert wie: "Nie wieder Deutschland!", "Deutschland verrecke!", "Halt's Maul Deutschland!" uäm. Eine Verszeile aus einem Gedicht Heinrich Lerschs – "Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen" – wurde umgewandelt in: "Deutschland muß sterben, damit wir leben können."8 In einer linken Tageszeitung war zu lesen: "Der baldige Abgang der Deutschen ... ist Völkersterben von seiner schönsten Seite."9 Aus den Reihen der Partei "Die Grünen" wurde im Frühjahr 2021 gefordert, das Wort "Deutschland" aus dem Wahlprogramm zu streichen, und was dergleichen Dinge mehr sind.

Wer gehofft hatte, daß die bürgerlichen Politiker und Repräsentanten des Staates sich dieser Entwicklung entgegenstellen würden, wurde enttäuscht. Bereits Gustav Heinemann, der dritte Bundespräsident, hatte auf die Frage, ob er diesen Staat liebe, nur geantwortet: "Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!"10 Im Nachgang zur Wiedervereinigung, die von vielen keineswegs gewünscht war, fiel die Distanzierung von "Volk und Vaterland" immer entschiedener aus. Nach dem Umzug des Bundestages nach Berlin setzte man der Giebelinschrift des wiederhergestellten Reichstags: "Dem deutschen Volke" im Eingangsbereich des Gebäudes provokativ die Worte: "Der deutschen Bevölkerung" entgegen. Die Abgeordneten wurden aufgefordert, diese Umwidmung durch einen symbolischen Beitrag zu unterstützen, und fast alle kamen dieser Aufforderung nach. Obwohl in der Präambel des Grundgesetzes nach wie vor das "Deutsche Volk" als verfassunggebender Souverän genannt ist und dieses Gesetz sich selbst Geltung "für das gesamte Deutsche Volk" beimißt, bekannten sich die gewählten Vertreter dieses Volkes demonstrativ zu der in Deutschland lebenden Wohnbevölkerung, die längst nicht mehr nur aus Europa, sondern aus aller Herren Länder stammte. Die autochthonen Deutschen dagegen wurden von der Bundeskanzlerin lediglich als "diejenigen" angesprochen, "die schon länger hier leben".11 Einem literarisch Gebildeten mußte es fast scheinen, als ob Friedrich Hölderlin seine "vaterländische Klage" vorausschauend auf diesen politischen Affront gemünzt hätte:
"O heilig Herz der Völker, o Vaterland!...
Oft zürnt' ich weinend, daß du immer
blöde die eigene Seele leugnest."
Über das, was die deutsche Seele ausmacht, gibt es freilich unterschiedliche Auffassungen. Ein auf Richard Wagner zurückgehendes Bonmot lautet: Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen betreiben. Das kann zweierlei bedeuten, einmal, nicht nach Nützlichkeit und Gewinn, sondern nach Vollkommenheit zu streben, sodann aber auch, einen eingeschlagenen Weg kompromißlos bis zur letzten Konsequenz zu Ende zu gehen. Beides dürften in der Tat typisch deutsche Eigenschaften sein. Im Guten stehen sie für eine Geisteshaltung, die uns den Ruf eingebracht hat, das Land der Dichter und Denker, der Künstler und Wissenschaftler, der Tüftler und Bastler zu sein. Die Fülle großer Namen auf nahezu allen Gebieten ist überwältigend. Darauf stolz zu sein, hätte jeder Deutsche allen Grund – nicht um sich mit fremden Federn zu schmücken, sondern im Sinne einer Verpflichtung, das von diesen Koryphäen geschaffene Niveau zu bewahren und den beschrittenen Weg fortzusetzen.

Von einer solchen Verpflichtung wollen viele, die im Licht der deutschen Öffentlichkeit stehen, allerdings partout nichts wissen. Robert Habeck, der kurzzeitig als aussichtsreicher Kanzlerkandidat gehandelt wurde, trat 2010 mit dem Geständnis hervor: "Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wußte mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht."12 Eine Integrationsbeauftragte der Bundesregierung – Aydan Özoğuz – lehnte 2017 die Forderung nach einer deutschen Leitkultur mit der Begründung ab, daß "eine spezifisch deutsche Kultur ..., jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar" sei.13 Man fragt sich unwillkürlich, in welche Gesellschaft sich die vielen Zuwanderer, die seit Jahrzehnten nach Deutschland strömen, eigentlich integrieren sollen. Einige von diesen wissen dies offenbar auch nicht und erklären unverblümt, daß sie Deutschland in eine islamische Republik verwandeln wollen. Die Spalier stehenden Kohorten, die 2015 mehr als eine Million zusätzlicher Migranten aus dem Vorderen Orient und aus Afrika auf den Bahnhöfen begeistert begrüßten, fühlen sich dadurch keineswegs düpiert. Denn sie wollen Deutschland ebenfalls in ein anderes Land verwandeln, und dazu ist ihnen offenbar auch dieses Mittel recht.

Die Umwandlung monoethnischer in multiethnische Gesellschaften ist indessen nicht nur das Ziel von deutschen, sondern auch von Politikern anderer westlicher Staaten. So ließ Peter Sutherland, Sondergesandter für Migration bei der UNO, auf dem Höhepunkt der Migrationswelle verlauten: "Jeder, der mir Tweets schickt, um mir zu sagen, daß ich entschlossen bin, die Homogenität der Völker zu zerstören, liegt damit absolut richtig, dafür bin ich. Wenn ich es morgen tun könnte, würde ich es tun..."14 Der Unterschied ist insoweit lediglich der, daß, wer in Deutschland diese Politik ebenso klar beim Namen nennt und ungeschminkt von "Umvolkung" spricht, eine Bestrafung wegen Volksverhetzung riskiert. Kritische Beobachter haben mit ihrem Urteil über die in Gang befindliche Entwicklung dennoch nicht hinter dem Berg gehalten. Bekannt geworden ist vor allem Thilo Sarrazins 2010 verfaßtes Buch "Deutschland schafft sich ab". Markus Kerber hat 2021 ein Buch mit dem ähnlichen Titel "Der deutsche Selbstmord" veröffentlicht. Das sind Paukenschläge, die an sich aufrütteln müßten – falls überhaupt noch etwas da wäre, das sich aufrütteln läßt.

III. Nationales Recht und globale Moral
Wer den Umschlag von einer tief empfundenen Vaterlandsliebe zu einem regelrechten Vaterlandshaß begreifen will, muß den Bogen etwas weiter schlagen. Dann zeigt sich, daß wir es hier mit der derzeitigen Erscheinungsform eines Dauerkonflikts zwischen zwei konkurrierenden Ordnungs- und Handlungsmustern zu tun haben, die man plakativ als realistisch-konkret und idealistisch-abstrakt charakterisieren könnte.

1) Für einen Realisten in diesem Sinn ist nichts selbstverständlicher, als daß es graduell unterschiedliche Nähebeziehungen gibt, die nach dem Prinzip, daß gleich und gleich sich gern gesellt, zu je eigenen Gruppenbildungen tendieren. Solche Gruppen finden sich in Gestalt von Familien, Verwandtschafts- und Freundeskreisen, sozialen Verbänden, Landsmannschaften, Glaubensgemeinschaften und Parteien bis hin zur Nation. Sie reichen zum Teil weit in die Vergangenheit zurück und bilden daher Brücken zwischen den jetzt lebenden und den längst verstorbenen Generationen. "Die Menschen sind nicht nur zusammen, wenn sie beisammen sind," heißt es im Hinblick darauf bei Goethe, "auch der Entfernte, der Abgeschiedene lebt [mit] uns."15 Das Miteinander Gleichgesinnter und Gleichgearteter ist von einer eigentümlichen Dezenz geprägt. Wer einem solchen Kreis angehört, genießt Vertrauen und darf in schwierigen Lagen auf Entgegenkommen rechnen. Dem Außenstehenden, den man weniger kennt, begegnet man aus Gründen des Selbstschutzes mit Vorbehalt. Alle Gruppen dieser Art bilden nicht nur ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern auch eigene Umgangsregeln für Freunde und Fremde, für In- und Outgroup aus.

2) Um die Möglichkeit offenzuhalten, Fremden ähnlich begegnen zu können wie Freunden, bedarf es einer anderen Betrachtungsweise. Denn dazu muß man jedermann, auch wenn er keiner der eigenen Bezugsgruppen angehört, in symbolischem Sinn dennoch als seinesgleichen anerkennen. Nur unter dieser Voraussetzung kann man hoffen, sich über alles Trennende hinweg mit ihm verständigen zu können. Auch diese Haltung ist tief in der westlichen Kultur verankert: Das Christentum lehrt, daß vor Gott alle gleich sind und alle gewissermaßen sein "Eigentum". Deshalb sind aus dieser Sicht alle Menschen von gleicher Wertigkeit, und dem Gebot der Gottesliebe steht das Gebot gleich: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. 16

3) Der Gegensatz unterschiedlicher Nähegrade auf der einen Seite und des Postulats allgemein-menschlicher Gleichheit auf der anderen findet seinen Ausdruck in gegensätzlichen Ordnungsmodellen gesellschaftlichen Lebens. Viele, vor allem junge Menschen träumen von einer weltweiten Verbrüderung unter Aufhebung aller überkommenen Grenzen. Ihr Wahlspruch lautete früher: "Alle Menschen werden Brüder" und heute: "No borders, no nations". Das Witzwort: "Jeder ist ein Fremder – fast überall auf der Welt" gilt ihnen als Ausdruck tiefer Weisheit. Der Sozialismus mit seinem Versprechen einer egalitären Weltordnung fällt hier auf fruchtbaren Boden.

Wer über politische Erfahrung verfügt, weiß indessen, daß wichtige rechtliche Errungenschaften an den Nationalstaat geknüpft sind und sich auf eine Global Society kaum übertragen lassen. Das gilt etwa für die Demokratie; denn die Bereitschaft, sich dem Votum der Mehrheit zu fügen, besteht nur da, wo auch die Minderheit sich noch von der Mehrheit vertreten fühlen kann. Dafür genügt die abstrakte Gleichheit aller keineswegs. Namhafte Staatsdenker wie Rousseau waren der Auffassung, daß die Demokratie nur bei einer gewissen Homogenität der Bevölkerung funktionieren kann und daß dazu vor allem gemeinsame Grundüberzeugungen gehören.17 Ebenso wie die Demokratie setzt auch der Sozialstaat eine Gesellschaft voraus, deren Mitglieder in einem besonderen Näheverhältnis zueinander stehen. Denn beim Geld hört die allgemeine Menschenliebe auf, jedenfalls für diejenigen, die dabei zur Kasse gebeten werden. Wenn überhaupt, so sind die meisten nur für "ihresgleichen" zu zahlen bereit.

4) Diese beiden Denkmuster, von denen das eine zur Errichtung, das andere zur Aufhebung zwischenmenschlicher Grenzen tendiert, lassen sich nur dann nebeneinander realisieren, wenn ihnen je eigene Betätigungsfelder zugewiesen werden. Eben dies geschieht im Gefolge der bekannten Unterscheidung von Recht und Moral. Das Recht umfaßt danach Verhaltensregeln, die im Interesse der äußeren Ordnung allgemein verbindlich sind und notfalls zwangsweise durchgesetzt werden. Die Moral dagegen ist ein Appell an jeden einzelnen, sich aufgrund eigener Einsicht und eigenen Entschlusses an bestimmten Wohlverhaltensregeln zu orientieren; an die Stelle des Zwangs tritt dabei das eigene Gewissen. Der Rigor des Rechts kann in der Regel nur in einem beschränkten Geltungsbereich – namentlich dem Gebiet eines bestimmten Staates – durchgesetzt werden; dagegen kann die persönliche Moral sich ohne weiteres dem gesamten Erdkreis öffnen. Denn das Recht legt nur fest, wozu im Rahmen eines bestimmten Machtbereichs alle Rechtsunterworfenen gezwungen werden können, während die Moral ein inneres Richtmaß bildet, das jeder so weit erstrecken kann, wie es ihm geboten erscheint.

Soweit Recht und Moral getrennt bleiben, steht jeder unter der Geltung eines partikularen Rechts, kann sich jedoch gleichzeitig bei seinem privaten Verhalten an einer universalistischen Moral orientieren. So muß er etwa mit seinen Steuern die Unterhaltung der national-staatlichen Armee mitfinanzieren; gleichzeitig kann er durch private Spenden Organisationen wie "Frieden schaffen ohne Waffen" unterstützen. Beides steht nicht in Widerspruch zueinander, da es auf verschiedenen Ebenen geschieht. Wo indessen die Reiche Gottes und des Kaisers miteinander vermengt werden, kann die universalistische Moral leicht in die Forderung nach einer egalitären rechtlichen Weltordnung umschlagen.

IV. Was ein Vaterland ausmacht und was es verkümmert
1. Um unter der Geltung einer Universalmoral, die sich prinzipiell auf alle Menschen erstreckt, gleichwohl eine herausgehobene Beziehung zu einem bestimmten Land entwickeln zu können, muß man zunächst einmal wissen, was dieses Land vom Rest der Welt unterscheidet. Man muß es also näher kennen, muß mit seinen realen und geistigen Beständen vertraut sein, mit seinen Städten und Landschaften, seiner Herkunft und Geschichte, seiner Kultur und Religion, und man bedarf einer Vorstellung von den Mühen, die es gekostet hat, um dahin zu gelangen, wo man derzeit steht. Nur dann hat man ein Bewußtsein davon, was einem zur Erhaltung und Bewahrung anvertraut ist und was daher für uns und andere auf dem Spiel steht, wenn niemand sich findet, der sich dieser Aufgabe annimmt. Nur wer dies vor Augen hat, kann ein Gespür dafür entwickeln, worin er in einem tieferen Sinn "zu Hause" ist, was ihn innerlich trägt und äußerlich hält. Das umfaßt Sprache, Lebensart, Mentalität, einen bestimmten Wissens-und Bildungskanon uam.

2. a) Früher wurden solche Dinge durch Elternhaus, Schule, Universität und andere Institutionen vermittelt. Heute drängt sich dagegen der Eindruck auf, daß alle öffentlichen Einrichtungen darauf aus sind, das, was einmal die wesentliche Basis des nationalen Selbstverständnisses war, aus Gründen einer höheren Moral restlos zu entsorgen. Das ist allerdings ein Prozeß, der sich – da universalmoralisch fundiert – nicht nur hierzulande, sondern in großen Teilen der westlichen Welt abspielt und mittlerweile in einer regelrechten Cancel Culture seinen Ausdruck findet.

Aus Gründen der Breviloquenz sind hier nur Andeutungen möglich: Der Relativismus lehrt die Gleichwertigkeit aller Kulturen und befördert damit die Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen. Der Multikulturalismus propagiert die Vermengung gegensätzlicher Kulturen und beschwört damit gravierende Konflikte und den Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts herauf. Das Wissen über Deutschland und seine Geschichte reduziert sich bei immer mehr Menschen auf die berüchtigten 12 Jahre, was zwangsläufig eine ablehnende Haltung gegenüber dem eigenen Land zur Folge hat. Seit Jahrzehnten verlassen immer neue Generationen die staatlichen Bildungseinrichtungen, die praktisch keinerlei positive Beziehung zur eigenen Vergangenheit mehr haben. Ihr eigenes Land steht ihnen nicht näher als jedes andere, ja, es ist ihnen sogar fremder und verächtlicher als alle.

Diese kulturelle Amnesie ist keineswegs die Folge unbeabsichtigter Defizite unseres Bildungssystems, sondern ist im Kern gewollt und wird von vielen Seiten, namentlich den Medien, befördert. So wird die deutsche Sprache, ohne die sich ein Nationalbewußtsein weder bilden noch erhalten kann, absichtlich in grotesker Weise entstellt. Bereits hierdurch werden die Menschen ihrem Land in nie gekannter Weise entfremdet. Nach einer auf die USA gemünzten Bemerkung von Patrick Deneen, die jedoch auf hiesige Verhältnisse ebenso paßt, besteht das Hauptziel der modernen Bildung darin, die "Überreste jeglicher kultureller oder historischer Besonderheit und Identität ... abzuschleifen", um die jungen Menschen "zu perfekten Firmenangehörigen im Sinne einer modernen Politik und Wirtschaft zu machen". Mehr noch: "Die allgegenwärtige Unwissenheit ... ist die Folge des Bekenntnisses [unserer] Zivilisation zum Selbstmord. Das Ende der Geschichte für unsere Schüler ist das Ende der Geschichte für den Westen."18

b) Was an die Stelle des freien Bürgers früherer Tage treten soll, beschreibt Deneen so: Es geht um die "Herstellung von Individuen ohne Vergangenheit, für die die Zukunft ein fremdes Land ist, von kulturlosen Nummern, die überall leben und jede Art von Arbeit verrichten können, ohne nach ihren Zielen zu fragen, von ausgereiften Werkzeugen für ein Wirtschaftssystem, das 'Flexibilität' schätzt (geographisch, zwischenmenschlich, ethisch)."

Wem käme hierbei nicht der Bolognaprozeß in den Sinn, durch den die deutschen Universitäten zu Beginn des neuen Jahrtausends zu Ausbildungsstätten für die Bedürfnisse der Wirtschaft umgewandelt wurden? Und wer dächte nicht an die händeringenden Klagen eben dieser Wirtschaft nach immer neuen billigen "Fachkräften", gern auch aus dem kulturfremden Ausland, die man gewinnbringend einsetzen und anschließend dem deutschen Sozialstaat zur weiteren Versorgung überlassen kann? Flexibel soll das Menschenmaterial sein, das an Schulen und Hochschulen herangebildet wird, und allzeit bereit, an jeden beliebigen Ort zu ziehen. Die ungeschriebene Voraussetzung dafür ist familiäre Ungebundenheit und Kinderlosigkeit, mit anderen Worten also der Verzicht auf ethnisches Überleben. Stattdessen soll der perfekte Arbeitnehmer der Zukunft auf lebenslanges Lernen eingestellt und bereit sein, für Geld alles zu tun, was verlangt wird.

Daß solche wirtschaftskompatiblen "Humanautomaten" zugleich Bürger sind, die bereit und in der Lage wären, ihr Land in politischer Selbstbestimmung zu verwalten und dessen Regierung zu kontrollieren, kann man sich schwer vorstellen. Denn eigentlich stellen sie keine Selbstzwecke mehr dar, sondern sind menschliche Zweckprodukte, die zufrieden sind, wenn man höheren Orts für sie sorgt und sie unbehelligt läßt, solange sie nicht aufbegehren.

V. Was bleibt, sind die Werke des Geistes
Das alles heißt selbstverständlich nicht, daß man auf die Vermittlung ökonomisch verwertbarer Fertigkeiten verzichten könnte. Die Internationalisierung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen erfordert Spezialisten, die eine hochtechnisierte Welt am Laufen halten können. Das allein genügt jedoch nicht. Eine freie Gesellschaft bedarf mehr, wenn sie funktionieren soll. Menschen aus Fleisch und Blut brauchen auch so etwas wie ein Zuhause, für das sie sich verantwortlich fühlen und wo ihre Bedürfnisse nach Lebenssinn Erfüllung finden. Nach dem bisher Gesagten stellt sich freilich die Frage, wo ein solches Zuhause noch zu finden sein soll.

1. Zu meinen, irgendwann werde wieder alles wie früher, ist eine Illusion. Längst ist die 68er Generation in alle gesellschaftlich bedeutsamen Bereiche, in Politik, Medien, Schulen, Hochschulen, Gewerkschaften, Kirchen, Justiz usw. eingedrungen und hat dafür gesorgt, daß Vertreter der gleichen Couleur ihr auf dem Fuße folgten. Konservative und Liberale haben diesen "Marsch durch die Institutionen" lange unterschätzt und nicht erkannt, daß es sich um eine "Revolution mit anderen Mitteln" handelte. Heute kämpfen sie politisch auf verlorenem Posten. Aber selbst wenn ihre Position insoweit besser wäre: Mehrere Generationen, die ihrem Land weitgehend entfremdet sind, kann man so schnell nicht umpolen. Ebenso wenig kann man Millionen von Zuwanderern aus fremden Kulturen außer Landes schicken. Sie sind gekommen, um zu bleiben, und sie werden auch bleiben. Infolge ihrer höheren Reproduktionszahlen werden sie irgendwann die Mehrheit stellen und die Politik bestimmen. Weit davon entfernt, daß sich die Zugewanderten in die deutsche Gesellschaft integrieren, werden sich die "Biodeutschen" zunehmend in eine Gesellschaft integrieren müssen, von der weite Teile aus dem Vorderen Orient und aus Afrika stammen; diese werden ihre Denk- und Lebensweise nicht deshalb aufgeben, weil sie jetzt in "Deutschland" sind.

Wer das Nachdenken über die Zukunft Deutschlands nicht aufgegeben hat, muß sich daher einigen nüchternen Fragen stellen: Wie soll man sich in einem Land heimisch fühlen, in dem man auf Schritt und Tritt fremdartigen Gesichtern und Gestalten begegnet? In dem viele eine Sprache sprechen, die man nicht versteht? Oder eine Lebensart pflegen, die Befremden erregt? Oder einem Glauben anhängen, der zu den eigenen Überzeugungen in völligem Gegensatz steht? Menschen, welche die Geschichte dieses Landes weder kennen noch sich dafür interessieren? Und die zum Teil eine Gesellschaft anstreben, die nur durch die Liquidierung überkommener Werte verwirklicht werden kann? Die Antwort kann nur lauten: gar nicht. Ein solches Land kann dem, der sich aus der Tiefe der Zeiten heraus noch als Deutscher versteht, unmöglich das sein, was man Heimat nennt. Dieser befindet sich daher in einer ähnlichen Lage wie seine Vorfahren zu der Zeit, als Ernst Moritz Arndt sein Gedicht "Was ist des Deutschen Vaterland" schrieb. Nur sind die Verhältnisse heute komplizierter als damals; das Problem ist durch einen politischen Gewaltstreich nicht mehr zu lösen.

2. Die Deutschen haben sich früher lange danach gesehnt, ein politisch geeintes Vaterland wie andere Völker zu bekommen. Nachdem sie es mit viel Glück errungen und nach erneutem Verlust wiedergewonnen hatten, sind sie derzeit dabei, es durch eine innere Auflösung abermals zu verlieren, dieses Mal jedoch für immer. Wer gleichwohl auf einer Heimat beharrt, die sich als "deutsche" identifizieren läßt, erinnert daher an den erfolglosen 1848er Revolutionär Friedrich Hecker, von dem es einmal hieß:
"Er hängt an keinem Baume,
er hängt an keinem Strick,
er hängt nur an dem Traume
der deutschen Republik."
In die gleiche Kerbe schlug damals auch der alte Spötter Heinrich Heine, wenn er schrieb:
"Franzosen und Russen gehört das Land,
das Meer gehört den Britten,
wir aber besitzen im Luftreich des Traums
die Herrschaft unbestritten."19
Dieses Luft- und Traumreich war lange die eigentliche Heimat der Deutschen gewesen, der Quell, aus dem man Kraft schöpfte zur Bewältigung der widrigen Realität. Dieses Traumreich ist den Deutschen, wie es scheint, am Ende allein übrig geblieben. Beobachter aus anderen Kulturen haben dafür einen guten Blick. Der taiwanesische Juraprofessor Juei-min Huang, der seine Lehrjahre in Tübingen verbrachte, hat die sogenannte "Willkommenskultur" im Jahr 2015 lapidar so kommentiert: "Aus der Sicht der Außenseiter wirkt Deutschland wie ein Land auf dem Mars."20 Dieses Traumreich aber ist heute nicht nur der Tummelplatz politischer Phantasten, sondern zugleich auch das wahre Vaterland derer, die sich dem Volk der Dichter und Denker, der Wissenschaftler und Künstler nach wie vor zugehörig fühlen. Diese Überzeugungsdeutschen, wie man sie nennen könnte, hoffen längst nicht mehr darauf, daß mit der Gefahr auch das Rettende wächst; denn sie spüren, daß dies die Selbsttäuschung der Verlierer ist. Wohl aber sehen sie, daß es, wie so oft in der Geschichte, auch heute wieder einmal darauf ankommt, möglichst viel von dem geistigen Erbe, das andere uns hinterlassen haben, für kommende Generationen wo auch immer in der Welt zu bewahren. Wer sich um sein deutsches Vaterland verdient machen will, kann daher auch in Zeiten wie diesen eine lohnende Aufgabe finden – jeder an seinem Platz und auf seine Weise.
  1. Pufendorf, Die Verfassung des deutschenReiches (übersetzt von H. Denzer), 1976, 6. Kapitel § 9 (S. 106).
  2. Schiller, Gedichte, Erzählungen, Übersetzungen, 1993, S. 218.
  3. Hegel, Politische Schriften, 1966, S. 23.
  4. Arndt, Werke, Teil I,, 1912, S. 126 f.
  5. Jhering am 1. 2. 1871, in: Rudolf von Jhering in Briefen an seine Freunde (hg. von H. Ehrenberg), 1913, 260 (261 f).
  6. Eisler/Becher, Neue deutsche Volkslieder, 2002, S. 23 f.
  7. Dahrendorf, Die Krisen der Demokratie, 2002, S. 23 f.
  8. Vgl. BVerfG, Beschluß vom 3.11.2000, 1 BvR 58/00.
  9. Deniz Yücel, Super, Deutschland schafft sich ab!, in: taz vom 4. 8. 2011.
  10. Schreiber, in: Der Spiegel 3/1969 vom 13. 1. 1969.
  11. Vgl. Lengsfeld, Was will die Kanzlerin Merkel dem Land geben?, theeuropean.de vom 23. 11. 2016.
  12. Habeck, Patriotismus. Ein linkes Plädoyer, 2010.
  13. Özoğuz, Leitkultur verkommt zum Klischee des Deutschseins, in: causa.tagesspiegel.de vom 14.5.2017.
  14. cfr.org/event/global-response-mediterranean-migration-crisis, September 30, 2015
  15. Goethe, Egmont, 5. Aufzug (gegen Ende).
  16. Markus-Evangelium 12, 28 – 31.
  17. Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag (hrsg. von H. Weinstock), 1974, S. 155 ff.
  18. Patrick J. Deneen, Wie eine Generation ihre gemeinsame Kultur verlor, https://fassadenkratzer.wordpress.com/2020/07/07
  19. Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput VII.
  20. Juei-min Huang, Mein Deutschland. Besorgnis eines Außenbeobachters, 2017, S. 130.