Vor und hinter den Kulissen der Demokratie

Aus: MUT 50. Jg. (2015), Nr. 563, S. 24 – 36

Wer im Theater einmal hinter die Kulissen geblickt hat, weiß, daß es hier anders aussieht als davor. Vor den Kulissen wird der Ausschnitt eines Panoramas präsentiert, das sich im Kopf des Betrachters zur Welt erweitert; dahinter jedoch befindet sich eine Maschinerie aus Schnürböden, Pappwänden und Beleuchtungsbrücken, die dazu bestimmt ist, den Leuten etwas vorzumachen. Denn wir lassen wir uns gern in eine Welt des Scheins versetzen, weil das Kopftheater, das dadurch in Gang gebracht wird, uns mehr anspricht als alle Realität.

Das ist nicht nur im Theater so; in Politik und Religion verhält es sich ähnlich. Mundus decipi vult – die Menge liebt es, getäuscht zu werden, wenn sie darüber die Wirklichkeit vergessen kann. Die Potentaten alten Stils wußten daher sehr wohl, warum sie sich mit einem Nimbus erhabener Heiligkeit umgaben. Und das gemeine Volk war gern bereit, dabei mitzumachen, an die Einsetzung der Majestäten durch göttliche Gnade zu glauben und bereits deshalb zu gehorchen und zu bezahlen. In manchen Milieus versteht man sich auf diese Kunst auch heute noch, und diejenigen, die sich dadurch betören lassen, fühlen sich nach wie vor nicht schlecht dabei.

In einem freilich hinkt die Parallele: Der Liebe zum Theater tut der Blick hinter die Kulissen keinen Abbruch; das Vertrauen in die Politik dagegen leidet not, wenn der Bürger sieht, daß hinter den Kulissen eine andere Agenda verfolgt wird als davor. Zwar sträubt er sich gegen eine solche Erkenntnis solange es geht – wer räumt schon gern ein, daß er einer Täuschung aufgesessen ist? Aber wenn es erst einmal soweit ist, daß die Bänkelsänger lauthals skandieren: „Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm – ich halt sie arm!“, dann wird es Zeit, ein neues Spiel zu beginnen. Dieser Vers Reinhard Meys paßt freilich weniger auf unsere Tage – die kirchlichen Würdenträger haben heute weitgehend ausgespielt – als vielmehr auf die Situation, wie sie am Ausgang der Aufklärung entstanden war.

Aufstieg und Fall einer Idee

Damals schickte man sich an, mit dem überkommenen Staatstheater aufzuräumen. Das Brimborium, mit dem Adel und Geistlichkeit ihre Herrschaft verbrämt hatten, war nicht mehr glaubwürdig genug, um von dem Spiel abzulenken, das hinter den Kulissen betrieben wurde. Die politisch Gebildeten wollten sich daher nicht länger mit dem Schein einer gottgewollten Ordnung begnügen, sondern verlangten rationale, von jedermann einsehbare Grundsätze und auf Vernunft gestützte Regeln. Freiheit und Gleichheit waren gefragt. Die Herrschaft des Militäradels sollte durch eine kollektive Selbstbestimmung ersetzt werden. „Demokratie“ wurde zum neuen Schlagwort. Anders als in der Antike war damit nicht bloß die Herrschaft einer Minderheit, sondern die politische Selbstbestimmung aller gemeint, die zur Beurteilung und Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben fähig waren. Das wurde zwar zunächst nur auf die vermögenden und selbständig tätigen Männer bezogen; aber schon bald kamen auch die Unselbständigen und Vermögenslosen und schließlich auch die Frauen hinzu. Am Ende waren in der Tat fast alle Staatsbürger politisch gleichberechtigt.

Mit jeder Erweiterung des Kreises wurden neue Interessen der kollektiven Verhandlung und Entscheidung zugänglich gemacht: Verteilungs-, Emanzipations-, Bildungs- und Versorgungsinteressen. Die Demokratie präsentierte sich als ein Veränderungsinstrument comme il faut. Mit ihrer Hilfe gedachte man immer kühnere politische Entwürfe aus dem Reich der Utopie in Wirklichkeit zu überführen. Fast schien es, als sei der Stein der Weisen zur Lösung aller politischen Fragen gefunden, als müsse man nur für die immer weitere Verbreitung der Demokratie sorgen und alles regle sich auf friedliche Weise von selbst.

Wer indessen geglaubt hatte, daß die politischen Entscheidungen in der Demokratie tatsächlich von allen getroffen würden, sah sich bald getäuscht. Das war auch nicht anders zu erwarten. So, wie die Menschen überwiegend beschaffen sind, ist eine egalitäre Demokratie nur dann gegen eine durchgängige Proletarisierung gefeit, wenn die Menge von geeigneten Führungspersönlichkeiten geleitet wird. Aus diesem Grund konnte man schon bald beobachten, daß in der realen Demokratie manches anders lief, als es der Theorie nach sein sollte. Wo mit geistigen Waffen um politische Wahrheit gerungen werden sollte, ging es häufig nur darum, für vorgefaßte Meinungen auf welche Weise auch immer die erforderlichen Mehrheiten zu organisieren. In der Weimarer Republik war das parlamentarische Verfahren bereits derart in Mißkredit geraten, daß es nach Auffassung kompetenter Beobachter nur noch darum ging, welche der einander bekämpfenden Gruppen die Macht der Alleinentscheidung erringen würde. Von einem gemeinsamen Bemühen um politische Wahrheit konnte keine Rede mehr sein.

Der Neubeginn nach dem letzten Krieg war bekanntlich nur von kurzer Dauer. Als sich in den 60er Jahren die rebellierende Jugend zur außerparlamentarischen Opposition erklärte, weil sie die parlamentarische Opposition für gescheitert hielt, war das System erneut in Frage gestellt. Aber auch unabhängig von diesem Eklat verstärkte sich bei vielen der Eindruck, daß die Demokratie, die vor ihren Augen inszeniert wurde, nicht die volle Wahrheit war, daß es sich vielmehr ebenfalls um ein Theater handelte, hinter dessen Kulissen es anders zuging als davor, nämlich höchst undemokratisch.

Die rationale Ordnung, die man dem traditionalen Schein entgegenzusetzen gedachte, geriet auf diese Weise in den Verdacht, selbst nur Schein zu sein. Sie war zwar nicht dazu bestimmt, die Arkanpolitik monarchischer Kabinette fortzusetzen; aber sie kam in den Ruch, dennoch dazu benutzt zu werden. Wer die zunehmende Demokratieverdrossenheit verstehen will, muß allerdings mehreres in den Blick fassen.

Minderheitsherrschaft in der Demokratie

Den Klassikern der Demokratietheorie war klar, daß diese Staatsform ein gewisses Maß an Gleichheit voraussetzt. Eine Diktatur kann man allen überstülpen, eine Demokratie dagegen bedarf eines verbindenenden Kitts, einer Identität grundlegender Interessen. Man muß sich mit seinen Mitbürgern in ein und demselben Boot fühlen, so daß man sich von ihnen auch dann noch vertreten sehen kann, wenn man anderer Meinung ist als sie. Eine solche Beziehung ist am ehesten da gegeben, wo man die gleiche Sprache spricht, über die gleiche Herkunft und Geschichte verfügt, kurz: wo man demselben Volk angehört. Rousseau ging sogar noch einen Schritt weiter und meinte, es dürfe auch keine extremen Vermögensunterschiede geben. In der Tat treiben auch große Vermögensunterschiede in jedes Volk einen Keil; denn zwischen Armen und Reichen liegen Welten, darüber sollte man sich nichts vormachen.

Ein solches Nationalgefühl findet man heute in Deutschland kaum mehr, und zwar unter anderem deshalb nicht, weil hier auch das kulturelle Gedächtnis bis auf geringe Reste ausgetilgt ist. Wenn die leitenden Politiker an der Spitze des Staates nach wie vor schwören, den Nutzen des „Volkes“ zu mehren und Schaden von ihm zu wenden, ist dies nur noch eine Façon de parler. Denn längst wirken alle, die etwas zu sagen haben, darauf hin, daß das, was man einmal Volk nannte, durch eine aus aller Herren Länder zusammengewürfelte Bevölkerung ersetzt wird. Multikulturalität, Buntheit, Diversität, Vielfalt lauten die Lock- und Schmeichelworte, die sämtlich nichts anderes sind als Schlüsselbegriffe für die allmähliche Ersetzung des autochthonen Volkes durch eine ethnische Melange, die damit nur noch den Namen gemein hat. Wenn Bert Brecht der moskauhörigen Regierung in Berlin-Pankow einmal spöttisch geraten hatte, das mißliebige Volk aufzulösen und ein anderes zu wählen – die heutigen Regierungen tun dies wirklich. Sie modeln ihr Volk schrittweise um, ohne jedoch ihre damit verfolgten Ziele offenzulegen oder gar zur Abstimmung zu stellen.

An sich sollte die Demokratie die abgehobene Kaste beseitigen, die sich wie ein Alb auf die Völker gelegt hatte. An deren Stelle sollten gewählte Volksvertreter die gemeinsamen Belange im Interesse der Bürger verwalten und gestalten. Aber das war eine naive Vorstellung; denn die Demokratie mag noch so idealistisch konzipiert sein – in der Realität unterliegt sie dem ehernen Gesetz der Oligarchie. Aus Ideengebern werden Ideologen, aus Volksvertretern Berufspolitiker und aus Rednern und schöngeistigen Schreibern Spezialisten bei der Bekämpfung politischer Gegner. Ehe man sich versieht, entsteht daher auch in der Demokratie eine politische Kaste, die mit dem Volk so wenig im Sinn hat wie vormals der Adel. Anders als dieser wird die neue Elite zwar von den Bürgern gewählt; aber wer weiß nicht, daß die Wahlen so organisiert sind, daß das Ergebnis zu einem guten Teil von vornherein feststeht? Der Versuch des Demos, mit Hilfe der Demokratie das Heft selbst in die Hand zu bekommen, kann getrost als gescheitert betrachtet werden.

Erosion des Rechtsstaats

Aber dies ist nur die eine Seite der Medaille. Nicht weniger wichtig als die Volkssouveränität ist der Rechtsstaat. Ursprünglich hatten die Parlamente den Monarchen nur die Stellung als Gesetzgeber streitig gemacht; über Verwaltung und Armee konnten die gekrönten Häupter weiterhin frei verfügen. Unter solchen Voraussetzungen war es nicht genug, auf die Demokratisierung der Gesetzgebung hinzuarbeiten. Mindestens ebenso sehr kam es darauf an, außer den Bürgern auch die Exekutive selbst an die Gesetze zu binden und der Kontrolle unabhängiger Gerichte zu unterwerfen. Allein der Vorrang und Vorbehalt des parlamentarischen Gesetzes und die unbeschränkte Zuständigkeit unabhängiger Gerichte sicherten der Demokratie die Durchschlagskraft auch gegenüber dem Exekutivpersonal des Staates.

Auch insoweit sind wir Zeugen einer Erosion. Längst rückt die Exekutive in ihre ehemals dominierende Stellung wieder ein. Die Gewichte verlagern sich vom Parlament, der einstigen Volksvertretung, zurück zur Verwaltung. Diese bereitet nicht nur in eigener Regie die Gesetze vor – wofür es sachliche Gründe gibt –, sondern ihre Elaborate werden im Parlament häufig nur noch abgenickt. Sie überzieht das Land mit einem Geflecht von Verordnungen, dem keine Volksvertretung Paroli bieten kann. Im Zuge des technischen Fortschritts rücken immer mehr Betätigungsfelder den Bürger in das Fadenkreuz behördlicher Kontrolle. Die verschiedenen „Dienste“ breiten ihre Arme wie Kraken über das Land. Langsam aber sicher wird jeder zu einem offenen Buch für alle, die Zugang zu den über ihn gesammelten Daten haben. Nicht wenige haben dadurch bereits Zustände wie in George Orwells „1984“ heraufziehen sehen.

Bürokratisierung Europas

Im Rahmen der Europäischen Union, die zunehmend mehr Kompetenzen aus ihren Mitgliedstaaten heraussaugt, hat man eine rechtsstaatliche Gewaltenteilung ohnehin nie angestrebt. Nicht das Parlament, sondern die Exekutive ist hier das maßgebliche Gesetzgebungsorgan. Das demokratische Prinzip „one man, one vote“ wird bei der Zusammensetzung der Kommission und des europäischen Parlaments praktisch ignoriert. Fundamental wichtige Fragen werden über den Kopf der Bürger hinweg entschieden, und wo diese ausnahmsweise doch befragt werden, wird die Abstimmung bei mißfälligem Ergebnis wiederholt, bis das gewünschte Resultat erzielt ist. Gelegentlich kann man hören, die Europäische Union leide an einem demokratischen Defizit. Das ist eine Beschönigung. In Wahrheit ist sie überhaupt keine Demokratie, sondern eine Bürokratie, in der eine Funktionärselite unter demokratischer Verkleidung sich selbst ermächtigt.

Diese Feststellung steht zwar im Widerspruch zur Selbstdarstellung der maßgeblichen Akteure. Wer sich von der inszenierten Euphorie nicht den Blick verwirren läßt, weiß jedoch, daß ein vereintes Europa bis auf weiteres als Demokratie nicht möglich ist; denn ein Gebilde von mittlerweile 24 Amtssprachen und ebenso vielen geschichtlich gewachsenen Kulturen und Mentalitäten kann überhaupt nicht demokratisch organisiert werden. Wenn daher immer wieder „mehr Europa“ gefordert wird, geht es keineswegs um mehr Demokratie, sondern genau umgekehrt um einen sukzessiven Abbau derjenigen Strukturen, in denen Demokratie bisher allein funktioniert hat, also um die Entkernung des bürgernahen Nationalstaats und seine Ersetzung durch eine supranationale Großorganisation, in der top down regiert und entschieden wird. Man kann eben nicht ein europäisches Großreich und eine demokratische Selbstorganisation in einem haben. Den meisten Verantwortlichen dürfte dies durchaus bewußt sein, auch wenn sie wohlweislich nicht davon sprechen.

Der Gründer der Paneuropa-Bewegung, Graf Coudenhove-Kalergi, war denn auch alles andere als ein Demokrat. Die Vereinigung Europas war für ihn kein Akt der beteiligten Völker, sondern ein elitäres Unternehmen, das nicht nur die Zusammenführung von Staaten, sondern auch die Vermischung unterschiedlicher Ethnien, also die Herstellung einer von Grund auf veränderten Gesellschaft zum Ziel hatte. Die „heutigen Rassen und Kasten“ sollten nach Coudenhove-Kalergis Vorstellung „der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen“. Eine „eurasisch-negroide Zukunftsrasse“, wie sie uns mittlerweile aus jedem Werbe- und Modekatalog entgegenblickt, sollte „ die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlichkeiten ersetzen“; desweiteren sollte eine internationale Verständigungssprache an die Stelle der Nationalsprachen treten u.a.m. Solche Pläne verraten Gestaltungswille und Sendungsbewußtsein. Mit demokratischen Mitteln lassen sie sich jedoch nicht durchsetzen, weil kein Volk sehenden Auges seiner eigenen Abschaffung zustimmen wird – es sei denn, daß es gelänge, die Demokratie unter der Hand zu einem Herrschaftsinstrument für die Weltveränderungspläne einer neuen Adelsklasse umzufunktionieren. Von solch einem Adel – einem Geistesadel, wie er meinte – träumte Coudenhove-Kalergi in der Tat ebenfalls.

Umerziehung mit Hilfe der Medien

Eigentlich sollte man meinen, daß es eine Aufgabe der Medien wäre, solche Dinge offenzulegen und zur Diskussion zu stellen. Als man über die Grundlagen der Demokratie reflektierte, war jedermann klar, daß dazu auch eine freie Presse gehört, welche die Öffentlichkeit über alle relevanten Fragen unterrichtet und dadurch ein politisches Urteil überhaupt erst ermöglicht. Aber längst ziehen die meisten Medien mit der Politik in wichtigen Angelegenheiten am selben Strang und wollen nicht bloß zur Meinungsbildung beitragen, sondern die gewünschten Meinungen gleich selbst bilden, also die Rezipienten für eine bestimmte Ansicht vereinnahmen und die kognitiven Strukturen flächendeckend verändern. In unverhüllter Sprache nennt man dies: gleichschalten.

Das heutige Zusammenspiel von Politik und Medien erinnert fatal an die Allianz von Politik und Religion in früheren Epochen. So wie damals die Religion das Denken und Meinen der Untertanen zugleich im Sinne der Politik dirigierte, tun dies heute die Medien. Dadurch gewinnt die Demokratie den Anstrich, von einer anderen Kraft als dem Demos gelenkt zu sein. Der Idee nach sollte mit dieser Staatsform die temporäre Herrschaft einer Mehrheit etabliert werden; aber mit Hilfe kooperationsbereiter Medien verwandelt sie sich zur Herrschaftsform einer elitären Minderheit. Mehrheiten werden in modernen Demokratien nur noch bei Wahlen benötigt und zu diesem Zweck durch konzertierte Aktionen hergestellt. Wie ein Spötter einmal formuliert hat, fälschte man in Diktaturen alten Stils die Wahlen; in modernen Demokratien programmiert man stattdessen die Wähler.

Kritische Bürger beobachten dieses Zusammenspiel mit Unbehagen. Sie können sich den politisch-medialen Gleichschritt nur damit erklären, daß auf alle wichtigen Positionen Leute derselben Couleur gehievt wurden oder daß alle auf irgendeine Weise „gekauft“ sind. Das letztere ist ein Verdacht, welcher der medial orchestrierten Demokratie seit langem anhängt. „Was ist Wahrheit?“ fragte bereits Oswald Spengler. „Für die Menge das, was man ständig liest und hört…Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, sie ununterbrochen zu wiederholen…[A]us der erträumten Selbstbestimmung wird die späte Demokratie zu einem radikalen Bestimmtwerden der Völker durch die Gewalten, denen das gedruckte Wort gehorcht.“

Wem aber, so muß man danach fragen, gehorcht das gedruckte Wort? Wessen Interessen vertritt die Presse, die sich nach wie vor als bürgerliche versteht, dies aber nicht mehr ist? Wer also sind die Ideen- und Stichwortgeber, die hinter der politisch-medialen Allianz stehen?

Geldelite und Geistesadel

Viele, die sich solche Fragen gestellt haben, haben sie dahin beantwortet, daß in der Demokratie an Stelle des Militäradels eine Art Geldadel zur Macht gelangt sei. Nicht unbedingt in Gestalt bestimmter Personen, aber doch in Form eines Systems von Banken und multinationalen Konzernen, in dem nur wenige wirklich etwas zu sagen haben. Im Prinzip besteht zwar zwischen Demokratie und Kapital ein unaufhebbarer Widerspruch: Während die Demokratie Reiche und Arme rechtlich gleichsetzt, läuft der Kapitalismus faktisch auf die Herrschaft einer Geldelite hinaus. Nach marxistischer Deutung wird das Nebeneinander beider indessen dadurch ermöglicht, daß nominell die Demokratie herrscht, während das Finanzkapital hinter den Kulissen die Fäden zieht. Von vielen unbemerkt, heißt es bei Lenin, habe die Finanzoligarchie ein Netz von Abhängigkeitsverhältnissen über alle ökonomischen und politischen Institutionen der modernen bürgerlichen Gesellschaft gespannt. Finanziers ließen Regierungen, Parlamente und Presse unabhängig von der Staatsform nach ihrer Pfeife tanzen. Die Demokratie sei daher zum Possenspiel geworden, hinter dem sich die wahre Macht der bürgerlichen Welt verstecke: das Großkapital. Eine Bestätigung dieser These sah Lenin in den zahlreichen Verbindungen zwischen der Finanzoligarchie auf der einen und den Regierungen und Parlamenten auf der anderen Seite, in der Versorgung von Parlamentsmitgliedern, ehemaligen Politikern und Staatsbeamten mit Aufsichtsratsposten bei Banken und Industrie, in den Übertritten von Regierungsmitgliedern in den höheren Bankdienst usw.

Interessanterweise findet sich eine ähnliche Sicht der Dinge auch bei dem „Europäer“ Coudenhove-Kalergi. Die Verfassungsform, die Feudalismus und Absolutismus ablöste, war seinen Ausführungen zufolge „demokratisch“, die Herrschaft jedoch „plutokratisch“: „Heute“, so führte er 1925 aus, „ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Plutokraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister…Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfershelfer ist.“

In der bürgerlichen Demokratie erblickte Coudenhove-Kalergi nur „ein klägliches Zwischenspiel zwischen zwei großen aristokratischen Epochen: der feudalen Aristokratie des Schwertes und der sozialen Aristokratie des Geistes“. Die Feudalaristokratie sei im Verfall, die Geistesaristokratie im Werden. Im Gegensatz zu diesem „praktischen Idealismus“ des Aristokraten Coudenhove-Kalergi setzte der Marxismus-Leninismus bekanntlich auf die Diktatur einer Funktionärskaste, weil er glaubte, die sozialen Probleme nur durch eine totale Bürokratisierung lösen zu können. Wie wir wissen, wurde im realen Sozialismus ein Terrorsystem daraus, das mit Gulag, Stacheldraht und Schießbefehl das Paradies auf Erden erzwingen wollte. Die verfehlte Schlußfolgerung beweist indessen nicht, daß auch die Diagnose falsch war; denn dieselbe Diagnose wurde auch von anderen gestellt, die mit dem Marxismus wenig im Sinn hatten. Man muß die Dinge daher unvoreingenommen betrachten.

Globalisierung aus materiellen und ideellen Gründen

Fest steht, daß dem internationalen Geldadel mittlerweile eine Macht zugewachsen ist, wie sie dem Erbadel nie eigen war. Allerdings handelt es sich dabei um eine Macht, die nicht auf der Androhung physischer Repressionen beruht, sondern unsichtbar und leise daherkommt. Der Finanzkapitalismus zwingt nicht und droht nicht, gleichwohl hat er die Kontrolle über Produktion und Dienstleistungen und selbst über die öffentliche Meinung ergriffen. Grenzen, Nationen und Kulturen, welche die überkommene Welt prägten, sind ihm zuwider, weil sie der Kommerzialisierung aller Verhältnisse entgegenstehen. Was aber die Gewinnmaximierung stört, hat nach dieser Logik keine Daseinsberechtigung und muß fallen. Fernziel der ungebremsten kapitalistischen Entwicklung ist eine neue Weltordnung, in der nur noch die Gesetze des Geldes den Takt angeben.

Obwohl dieser Prozeß von einer Minderheit betrieben wird, weist er partiell in dieselbe Richtung wie ein verbreiteter Menschheitstraum. Denn die Vorstellung einer brüderlich umschlungenen Weltgemeinschaft ist, wenngleich christlichen Ursprungs, seit langem das Ziel der progressiven Linken unterschiedlichster Couleur. Wenn das, was die Menschen bisher in Klassen, Rassen, Kulturen und Nationen getrennt hat, restlos beseitigt sei, dann, so hoffen hier viele, sei zugleich der Hauptgrund aller bisherigen Nöte und Kriege entfallen. Deshalb streitet auch die Linke für eine nivellierende Globalisierung, allerdings aus sozialen und pazifistischen, für sich genommen also durchaus respektierlichen Motiven.

Infolge dieses partiellen Gleichlaufs materieller und ideeller Interessen ist das globalistisch-egalitäre Denken zu einer Normalität geworden, die in Frage zu stellen viele sich nicht einmal mehr vorstellen können. Eine Nebenfolge dieser Entwicklung ist die, daß die Institutionen, mit deren Hilfe man sich einmal gegen den Machtmißbrauch der Herrschenden schützen wollte, leerlaufen, weil die Herrschenden und die Beherrschten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, in dieselbe Richtung tendieren.

Aufklärung – aber wie?

Aus der Sicht der internationalen Finanzmächte sind die idealistischen Avantgardisten einer einheitlichen Weltordnung womöglich nur nützliche Idioten. Sie stimmen die Masse auf die bevorstehenden Änderungen ein und lenken zugleich den Blick von dem ab, was hinter den Kulissen geschieht. Dar-über aufzuklären ist freilich aus vielen Gründen nicht leicht. In einer Welt, in der das Bewußtsein der meisten das Produkt einer allgegenwärtigen Hirnwäsche ist, hat Aufklärung nur dann eine Chance, wenn ihr dieselben Mittel zur Verfügung stehen wie den Manipulateuren auch und wenn sie außerdem besseren Gebrauch davon zu machen weiß. Andernfalls steht sie auf verlorenem Posten. Manche setzen ihre Hoffnung hier auf das Internet als ein Medium ungehinderten Informationsaustausches, dem sie eine ähnlich emanzipatorische Funktion beimessen, wie sie zu Beginn der Neuzeit dem Buchdruck zukam. Die Möglichkeit, viele zu erreichen, reicht für sich allein jedoch nicht aus. Wenn sich Multiplikatoren und vor allem Aktivisten finden sollen, bedarf es zugkräftiger Ideen und griffiger Botschaften. Kritik an den bestehenden Zuständen ist zu wenig, und die Beschwörung einer Vergangenheit, die unwiederbringlich vorüber ist, ersetzt ebenfalls kein Zukunftskonzept.

Intellektuelle haben meist ein gutes Gespür dafür, wohin die Reise geht und wo für sie selbst am meisten zu holen ist. Wie die Ratten das sinkende Schiff verlassen, so pflegen auch sie sich vorzugsweise auf die Seite „der kommenden Dinge“ zu schlagen. Beobachtet man unter diesem Gesichtspunkt das Verhalten derjenigen, von denen sich Coudenhove-Kalergi einen neuen Geistesadel versprochen hat, so kann man nur schließen, daß die Zeit der Demokratie, wie wir sie kennen, vorüber ist. Denn auch diejenigen, die an sich wissen müßten, wohin die Reise geht, treiben die in Gang befindliche Entwicklung voran, obwohl das Volk dabei immer weniger in der Hand hat. Und sie schaffen im Interesse der neuen Herrenklasse Netzwerke in allen Bereichen der Gesellschaft, mit deren Hilfe jede Opposition zum Schweigen gebracht werden kann.

Daß sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern läßt, ist eher unwahrscheinlich. Wer nach der Zukunft fragt, muß diese Zusammenhänge dennoch kennen. Er muß wissen, was hinter den Kulissen vorgeht, muß wissen, was in Wahrheit gespielt wird und wer die Akteure und ihre Helfer und Helfershelfer sind. Gemessen an der Devise: sapere aude! ist dies ein aufklärerisches Anliegen. Wage es, so könnte man es zeitgemäß übersetzen, wage es, die Fragen zu stellen, die aufzuwerfen, wenn auch informell, verboten ist. Dann wird man sehen, welche Antworten sich finden.