Vom Preis des Glücks, des Überlebens u. der Freiheit

Aus: MUT 44. Jg. (2013), Nr. 543, S. 10 – 17

Alles hat seinen Preis auf der Welt. Wer etwas Besonderes wünscht, muß tiefer in die Tasche grei-fen. Paradiese etwa kosten mehr als andere Objekte menschlicher Begehrlichkeit. Außerdem sind sie nur aufgrund Vorbestellung erhältlich und noch dazu nur gegen Vorkasse. Weltverbesserer, die mit Paradiesen Handel treiben, wissen das.

Für das sozialistische Arbeiterparadies waren die Bolschewisten bereit, eine ganze Generation auf-zuopfern, notfalls sogar mehrere. Das war vielleicht nicht nett. Aber mit nüchternem Kalkül sagten sich die Herren offenbar: Wenn das Paradies erst einmal verwirklicht ist, wird kein Mensch mehr da-nach fragen, was es gekostet hat. Und nach dieser Erkenntnis handelten sie eben. Es war nicht ihre Schuld, daß das Ziel verfehlt wurde. Es hätte ebenso gut auch klappen können. Dann wären sie von den Nutznießern des großen Opfers, das andere erbracht hatten, wie Heilige verehrt worden.

Schuld waren diejenigen, welche die Revolution hintertrieben, also die Konterrevolutionäre, die sich in eine falsche Theorie verrannt hatten und den Anhängern der richtigen das Weltverbessern schwer machten. Im Umgang mit diesen reaktionären Contras wäre Langmut fehl am Platz gewesen; schließlich ging es um das Wohl der gesamten Menschheit. Deshalb wurden Revolutionstribunale eingerichtet, wo den Irrenden so lange zugeredet wurde, bis sie freiwillig um ihre Verurteilung baten. So oder so ähnlich praktizierte man dies gelegentlich bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, in manchen Teilen der Welt sogar noch länger. Erinnert sich jemand daran? Nein?

Aber ganz bestimmt wissen viele noch, wie die katholische Kirche in ihrer Glanzzeit mit Abtrünni-gen verfahren ist, die den Zweifel in die Welt brachten und damit das Seelenheil von Millionen be-drohten. Erinnerlich sind vielleicht auch die Jakobiner, die ein Paradies auf der Grundlage von Frei-heit, Gleichheit und Brüderlichkeit schaffen wollten und dabei auf den Widerstand von Leuten stießen, die anderes glaubten und dadurch die Neubegründung der bürgerlichen Gesellschaft gefährdeten. In ihrer Not bedienten sich die Jakobiner eines neuartigen Instruments, das ungerechtfertigten Wider-spruch technisch perfekt zum Verstummen brachte. Nicht Wut trieb sie dazu an oder gar Rache, son-dern Sorge um die kommenden Generationen, die ihnen das zweifellos danken würden. Nur in eini-gen Regionen, wo die Zahl der Apostaten allzu groß war, mußte man schweren Herzens zu anderen Mitteln der sozialen Hygiene greifen. Die Geschichte hat das verziehen, denn sie registriert kaum ir-gendwo noch die Zahl der Opfer.

In neuerer Zeit ist der Handel mit künftigen Paradiesen freilich zurückgegangen. Die Menschen glauben nicht mehr so recht an den Himmel, weder auf Erden noch sonstwo. Sie sind fast schon zu-frieden, wenn es gelingt, künftige Apokalypsen abzuwenden. Philosophisch ausgedrückt könnte man sagen: das Prinzip Hoffnung hat dem Prinzip Furcht Platz gemacht. Im vorstehenden Zusammenhang macht das indessen kaum einen Unterschied; denn die Zukunftsangst folgt einer ähnlichen Ökonomik wie die Zukunftshoffnung. Ebenso wie man künftige Paradiese nur durch Einsatz aller verfügbaren Mittel erlangen kann, so kann man auch künftigen Höllen nur gegen einen hohen Preis entkommen. Wenn es ernst wird, müssen empfindliche Opfer gebracht werden. Und ernst werden kann es sehr schnell. Denn hinter jeder Straßenecke drohen andere Katastrophen: hier die Verstrahlung der Um-welt, dort der Klimawandel, ferner die Ausbreitung von AIDS und anderen Krankheiten, Rassismus, neue Formen von Unterdrückung und Ausbeutung, das Verschwinden der Artenvielfalt usw. Da heißt es, alle Kräfte aufzubieten, wenn die Menschheit überleben soll.

Am bedrohlichsten erscheint vielen der sogenannte Klimawandel, also die Erwärmung der Erde bis zu Temperaturen, wie sie im hohen Mittelalter üblich waren. In der Phantasie der dadurch Geängstig-ten tun sich Schreckensbilder von überschwemmten Erdteilen, versteppten Acker- und Weideflächen, globalen Hungersnöten, zusammenbrechenden Sozialsystemen und Bürgerkriegen auf. Dem zu ent-kommen, hat etwa denselben Preis wie bis vor kurzem die Erlangung des Paradieses, nämlich den denkbar höchsten. Das weiß niemand besser als die Vertreter der neuen Klimareligion selbst.

Als ein solcher hat sich kürzlich ein Grazer Hochschullehrer geoutet und seine Vorstellungen über den Server seiner Universität bekannt gemacht. Der Kollege ist zwar kein Klimaforscher, sondern Musikwissenschaftler, aber in der Demokratie dürfen bekanntlich alle über alles mitreden. Die größte Gefahr für die künftige Menschheit, so legte er dar, gehe von den Leugnern der globalen Erwärmung aus. Diese verhinderten nämlich, daß die Wissenschaft mit einer Stimme spreche, was wiederum zur Folge habe, daß Maßnahmen gegen den Weltuntergang nicht rasch genug durchgesetzt werden könn-ten. Im Ergebnis hätte dies Millionen, wenn nicht gar Milliarden Klimatote zur Folge. Ganz klar: da kann man nicht einfach zusehen und abwarten. Aber was soll man tun, um die Welt vor Gedanken dieser Art zu schützen? In Anlehnung an diverse Vorgänger schlug der Professor ein denkbar einfa-ches und sicher wirkendes Mittel vor: die Todesstrafe. Diese sei „eine angemessene Sanktion für ein-flußreiche Klimaleugner“. („I am going to suggest that the death penalty is an appropriate punishment for influential GW [Global Warming] deniers.”)

Nein, lieber Leser, das ist kein Scherz von mir, den würde ich mir in einer solchen Angelegenheit nie erlauben. Auch mein Grazer Kollege ist keineswegs zum Scherzen aufgelegt. Es ist ihm todernst mit seinem Vorschlag. Er ist zwar, wie er schreibt, ein strikter Gegner der Todesstrafe. Nicht einmal dem Norweger Breivik, der unlängst 77 letale Treffer gelandet hat, spricht er das Leben ab; auch bei Holocaustleugnern möchte er sich mit Freiheitsstrafen begnügen. Aber Klimaleugner gehören seiner Ansicht nach in eine andere Kategorie. Hier geht es nämlich nicht darum, für ein in der Vergangenheit liegendes Delikt Vergeltung zu üben, sondern ein künftiges Übel vorausschauend zu verhindern. Das ist lebenserhaltend und verdient daher eine andere Beurteilung. („…to achieve that goal I think it is justified for a few heads to roll.”)

Rein zufällig ist mein Kollege hier bei einer Frage gelandet, die den Menschheitsfreunden zu allen Zeiten zu schaffen gemacht hat: Wie nämlich soll man mit Leuten umgehen, die durch ihr Denken und unbedachtes Reden das Ende der Welt heraufbeschwören? Denn darum geht es in diesem Fall wirk-lich. („We are in a very real sense talking about something similar to the end of the world.“) Was soll man mit diesen Lästerzungen anderes machen als sie vorbeugend zu eliminieren? Wenn man dem Un-heil nicht freien Lauf lassen will, gibt es keine Wahl. Die Vaporisierung ist hier alternativlos, und zwar aus völlig rationalen und humanitären Gründen.

Wie alles, was gebildete Leute in Angriff nehmen, so soll aber auch dieses mit Maß erfolgen. Die Meinungsfreiheit soll nämlich nach Auffassung des Kollegen keineswegs ganz abgeschafft, sondern lediglich an die derzeitigen Erfordernisse angepaßt werden. Nicht jeder, der etwas Falsches sagt, soll gleich einen Kopf kürzer gemacht werden. Die Kapitalstrafe soll nur solche Klimaleugner treffen, de-ren Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit zahllose Todesfälle verursachen wird. Der Einfachheit halber hat der Autor eine Namensliste von 247 Forschern und Politikern verlinkt, die als mögliche Kandidaten in Betracht kommen. Die Trennlinie, die über Sein und Nichtsein entscheidet, die deadline gewissermaßen, wollte er bei etwa einer Million voraussichtlichen Toten gezogen wissen. Wo diese Grenze überschritten ist – einschlägig ausgewiesene Sachverständige könnten dies leicht ermitteln –, erscheint ihm die Hinrichtung hartnäckiger Klimaleugner gerechtfertigt.

Das ist die Lösung, kann man da nur sagen. Aber wer soll es machen? Zum Glück gibt es den In-ternationalen Strafgerichtshof. Dessen Zuständigkeit, so stellt sich mein Kollege vor, müßte nur ein wenig erweitert werden, das ist alles. Unsere Nachfahren, die dadurch vor einem grausamen Schicksal bewahrt würden, hätten gewiß nichts dagegen einzuwenden. Im Gegenteil. In wenigen Jahrzehnten, so gegen 2050 bereits, vermutet der Autor, werde er für seine Thesen allgemeine Zustimmung und Bewunderung finden. Vielleicht werde ihn der Papst sogar heiligsprechen.

Der in diesem Zeitpunkt amtierende Papst selbstverständlich, nicht der jetzige! Mit diesem hat mein Kollege anderes im Sinn; denn er hält ihn ebenfalls für eine Bedrohung der Menschheit. Zwar leugnet Benedikt XVI. nicht den Klimawandel, aber er verwirft die Benutzung von Kondomen. Dadurch habe er Millionen von AIDS-Toten auf dem Gewissen, und wenn nichts geschehe, würden in Zukunft wei-tere Millionen hinzukommen. Deshalb müsse auch dem Papst das Handwerk gelegt werden. Also ab vor den Internationalen Strafgerichtshof und dann weg mit ihm! („The pope and perhaps some of his closest advisers should be sentenced to death.“)

Wer kommt noch in Betracht ? Da der Autor seinen Gedanken nicht systematisch entfaltet, kann man nur Vermutungen anstellen. Aber neben Klimawandel und AIDS gibt es ja auch noch die heute allseits beklagten Gedankenverbrechen des Rassismus, der Homophobie, des Nationalismus, des Rechtsradikalismus und vieles mehr, das baldiges Einschreiten erfordern könnte.

Irgend jemand muß dem Autor dann aber gesteckt haben, daß es unklug sei, mit solchen Überle-gungen unvermittelt an die Öffentlichkeit zu gehen. In sensiblen Angelegenheiten bedarf es vieler Vorarbeiten, bis man die Bürgerinnen und Bürger, wie es so schön heißt, „mitnehmen“ kann. Viel-leicht haben sich auch Kritiker zu Wort gemeldet und ihrerseits Gegenmaßnahmen angekündigt. Rechtzeitig zu Weihnachten 2012 jedenfalls hat der Autor seinen Essay entschärft und gekürzt. Zwei Tage darauf hat er ihn ganz aus dem Netz genommen und sich bei allen, die er mit seinem Artikel womöglich verletzt habe, entschuldigt. Seine wahre Ansicht sei nämlich die, daß „the death penalty is barbaric, racist, expensive, and is often applied by misstake“.

Mancher mag sich an dieser Stelle fragen, ob man hier besser nach dem Staatsanwalt oder dem Ir-renarzt rufen sollte. Mir selbst fiel zunächst die stehende Redensart eines von mir hochgeschätzten Ordinarius der alten Schule ein. Immer wenn dieser mit irgendwelchen Absonderlichkeiten eines sei-ner Kollegen konfrontiert war, wiegte er bedächtig sein Haupt und äußerte dann, daß die unerkannt Geisteskranken sich eben vor allem an den Universitäten aufzuhalten pflegten. Irgendwo muß man ja hin mit ihnen. Und da sitzen sie dann auf ihren Lehrstühlen und reden und schreiben, Gereimtes und Ungereimtes, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Das muß man aushalten.

Wie aber, so fiel mir dann ein , wenn es nicht nur einzelne wären, die so denken? Wenn es viel-mehr quer durch die Gesellschaft weitere Apostel dieser Couleur gäbe, welche die Sorge vor dem Ökocaust umtreibt? Keineswegs Irre, sondern umweltbewegte Philanthropen, die nur in ihren Köpfen gelegentlich Szenarien durchspielen, von denen sich andere im Schlaf nicht träumen lassen? In den siebziger Jahren gab es ja schon einmal einen Schub solcher Leute. Kurz zuvor noch hätte kein Mensch vermutet, daß sie sich einmal für die Eindämmung des industriellen Fortschritts interessieren würden. Und doch: obwohl sie eben noch für die Einführung des Paradieses gestritten hatten, wehrten sie gleichsam am nächsten Tag schon mit denselben Mitteln und Methoden den Weltuntergang ab, beides mit gutem Gewissen und voll von der eigenen Mission überzeugt. Könnte es nicht sein, daß solche verkappten Jakobiner noch immer unter uns weilen und nur nach Gelegenheit suchen, den To-talitarismus in zeitgeistgemäßer Form erneut schmackhaft zu machen? Dieses Mal vielleicht nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit sanfter Pädagogik für jung und alt? Denn schleichende Verände-rungen, die keiner so richtig wahrnimmt, sind bekanntlich die wirksamsten.

Gemessen daran wäre es allerdings ein Fauxpas gewesen, daß der Grazer Kollege offen ausge-sprochen hat, was andere vielleicht nur denken. Er war zwar weder der erste, der dies tat, noch der radikalste, aber dennoch. Nicht auszudenken daher, wenn man darüber in derselben Aufmachung be-richtet hätte, wie dies in Fällen geschieht, die ein anderes politisches Spektrum betreffen! Damit hätte man womöglich schlafende Hunde geweckt. In Deutschland wissen die Medien jedoch, was in einem solchen Fall zu tun ist. Wie auf Verabredung haben sie über den Grazer Musikologen übereinstim-mend nichts berichtet. Absolut nichts. Nur auf einigen Blogs konnte man sich über den Fall kundig machen. Erst als das professionelle Schweigen in diesen Kreisen schon Spott auslöste, kam eine ver-einzelte Meldung.

Interessierte Zeitgenossen, die auf die eine oder andere Weise von der Sache erfahren haben, müßte die sparsame Berichterstattung der Medien eigentlich zu denken geben. Immerhin geht es dabei ja auch um sie selbst, nämlich um ihre Freiheit und was andere damit vorhaben. Hat man uns nicht im-mer gelehrt, daß eine Gesellschaft, die frei sein und ihre Freiheit bewahren will, den Feinden der Frei-heit auf die Finger sehen muß? Aber wie soll sie dies nur, wenn sie über die Gedankenspiele der mo-dernen Jakobiner gar nicht unterrichtet wird?

Keine Frage, man müßte zunächst einmal dafür sorgen, daß die Medien ihrer Aufgabe nachkom-men. Für Bürger, die über die geballte Marktmacht des Nachfragers verfügen, sollte das nicht schwer sein. Sie müßten nur ein wenig aktiv werden, müßten Konzepte entwickeln und nicht kommentarlos hinnehmen, was ihnen von anderen vorgesetzt oder vorenthalten wird. Indessen scheint der Wille hierzu nicht sonderlich stark zu sein. Wenn der Eindruck nicht täuscht, sind viele, die es eigentlich angehen würde, müde geworden. Die Freiheit ist der Güter höchstes nicht, scheint sich mancher von ihnen zu sagen, das Leben steht höher, und es ist vielleicht auch ohne diesen Aufwand zu haben.

Spricht man solche Dinge im Bekanntenkreis an, so bekommt man immer häufiger zu hören, daß Gesellschaften, wie alles in der Welt, eben kommen und gehen, und daß daher auch Demokratien, so wünschenswert sie zweifellos sein mögen, früher oder später Autokratien weichen werden. Das kön-ne man nicht ändern, leider. Für jemand, der nicht daran denkt, den Preis für ein Leben in Freiheit zu zahlen, ist das in der Tat richtig. Denn auch die Freiheit hat ihren Preis, ohne den sie nicht zu haben ist. Dieser ist zwar denkbar gering. Er besteht schlicht darin, die Last des Freiseins zu tragen mit al-lem, was nun einmal dazugehört, also namentlich dem Willen zur Autonomie und der Bereitschaft, jederzeit in die Schranken zu treten. Es gab einmal Zeiten, wo man sich geradezu danach drängte, weil die Freiheit eine stärkere Anziehungskraft ausübte als alle Paradiese zusammengenommen. Aber heute scheint manchem diese Bürde zu schwer zu sein. Sie hat es nämlich an sich, daß man sie nicht auf andere abwälzen kann; man muß sie selbst auf sich nehmen. Da wartet man lieber erst einmal ab, was die Zeit so bringt, vielleicht ist es ja halb so schlimm. Und wenn nicht, kann man immer noch aufbe-gehren. Denkt man, hofft man, sagt man jedenfalls. Jedem das Seine, hätte Nietzsche vielleicht gesagt, und dem Sklaven die Ketten.