Rechtliche Relikte in der Alltagssprache

In: Universitas 48 (1993), S. 966 – 980 (dort leicht verkürzt)

„Man sollte mal heimlich mitstenographieren, was die Leute so reden“, schrieb Kurt Tucholsky einmal. Was ihm vorschwebte, war vermutlich ein Beitrag zur Sprech- und Gesprächskultur. Als Jurist, der er war, hätte er seine Aufforderung aber auch in einem anderen Sinn verstehen können. Durch das Mitstenographieren – heute müßte man wohl eher sagen: „Mitschneiden“ oder „Abhören“ – könnte man nämlich auch einen Beitrag zur Rechtskultur liefern. Nicht unbedingt zur Kultur des geltenden Rechts freilich; denn das moderne Rechts glänzt in der Umgangs- und Alltagssprache meist durch Abwesenheit. Was man entdeckt, wenn man den Leuten auf den Mund schaut, ist indessen das Recht vergangener Tage. Auch wenn dieses den meisten mittlerweile fremd geworden ist, so ist es in der Sprache noch immer präsent. Wir führen es ständig im Munde, auch wenn uns das häufig gar nicht bewußt ist. Wie so oft hat sich die Bedeutung vieler Ausdrücke auch hier verschoben, so daß man ihnen zum Teil gar nicht mehr ansieht, woher sie stammen.

Emanzipation
Woher soll man auch wissen, was es bedeutet, etwas „aus dem ff zu beherrschen“, wenn man sogar Griechisch dazu verstehen müßte? Denn das „ff“ ist eine verballhornte Wiedergabe des griechischen Buchstabens Pi (π), mit dem man früher die Pandekten, also das große Gesetzgebungswerk Justinians gegen Ende der römischen Antike, abgekürzt hatte. Als die Pandekten im hohen Mittelalter wiederentdeckt und studiert wurden, erwarben sich alle, die damit umzugehen wußten, höchsten Respekt. Schöpften sie doch ihre Rechtserkenntnis aus der beeindruckendsten Quelle, die es dafür gab. Freilich war die Rechtssprache dabei Lateinisch, nicht Griechisch. Man sieht es noch an dem Wort „Emanzipation“, das nach wie vor in aller Munde ist. Es ist hergeleitet von der „mancipatio“, einer römischen Übereignungsform, und verdankt sich ursprünglich dem Bestreben, dem römischen Patriarchalismus ein Schnippchen zu schlagen. Grundsätzlich standen Römer zeitlebens unter der Herrschaftsgewalt ihres Vaters. Das war, wenn jemand öffentliche Ämter anstrebte, nicht unbedingt förderlich. Deshalb suchte man nach einem Ausweg. Er fand sich in einer Bestimmung des Zwölftafelgesetzes gegen allzu herrschsüchtige Hausväter. Wenn ein Vater nämlich so grausam war, seinen Sohn in die Sklaverei zu verkaufen, und dies, nachdem der Betreffende von seinem neuen Herrn freigelassen worden war, sogar noch zweimal wiederholte, dann sollte der Sohn definitiv frei – „emanzipiert“ – sein. Diesen Rechtssatz machte man sich gezielt zunutze. Wer seinen Sohn aus der väterlichen Gewalt entlassen wollte, verkaufte ihn im Wege der mancipatio dreimal nacheinander in die Sklaverei, wobei er vereinbarungsgemäß jedesmal sofort wieder freigelassen wurde. Bei der ersten und zweiten Freilassung fiel der Sohn automatisch in die väterliche Gewalt zurück; mit der dritten Freilassung aber war er planmäßig emanzipiert und damit sein eigener Herr. Formaljuristen also auch schon die Römer! Aber doch nicht ohne Sinn für feine Unterscheidungen: Für die Emanzipation einer Tochter genügte eine einmalige mancipatio mit anschließender Freilassung.

Aufs Dach steigen
Wer daraus freilich auf einen geringeren Wert der Töchter schließen würde, dem würde man heute wahrscheinlich aufs Dach steigen – obgleich gerade diese Redensart einen Ursprung hat, der mit der Gleichberechtigung der Geschlechter schwerlich vereinbar ist: Während der Ehemann nach älterem deutschen Recht seine Frau gelegentlich sogar kraft Gesetzes züchtigen und zur Räson bringen durfte, wurden Männer, die sich umgekehrt von ihrer Frau schlagen ließen, mancherorts dadurch bestraft, daß man ihnen das Hausdach abdeckte. Das war eine mildere Form der Verwüstung, bei welcher das ganze Haus abgerissen wurde – eine Strafe, die in Israel zur Abschreckung palästinensischer Attentäter heute noch praktiziert wird. Ein Mann, der es nicht so weit kommen ließ, daß seine Frau ihn schlug, sondern rechtzeitig das Weite suchte – seiner Frau also „die Fersen zeigte“ –, hatte es freilich auch nicht leicht: er mußte Fersengeld zahlen.

Mundtot machen
Stammt die Emanzipation aus dem römischen Recht, so ist das bekannte mundtot machen dem mittelalterlichen deutschen Recht entnommen. Auch diese Redensart hat einen familienrechtlichen Hintergrund, allerdings geht es dabei nicht um die Entlassung aus personeller Vormundschaft, sondern umgekehrt um deren Begründung. Das Wort „munt“ hatte einmal die Bedeutung von "Schutz" und "Schirm", aber auch von "Gewalt" oder "Verfügungsrecht". "Mundtot" bezeichnete daher ursprünglich die Unfähigkeit, eine Angelegenheit in eigener Person vor Gericht zu vertreten. Wer aus Gründen des Alters oder der Gebrechlichkeit mundtot gemacht wurde, wurde daher nicht etwa zum Schweigen verurteilt, sondern entmündigt. Damit hatte er nicht mehr die Munt über sich selbst, sondern erhielt einen Vormund und war dessen Mündel. Obgleich der deutsche Gesetzgeber die Vormundschaft über Volljährige im Jahr 1992 beseitigt hat, sind sich diese Begriff nach wie vor in Gebrauch. In den Tiefenschichten der Sprache als dem Kollektivgedächtnis der Nation hat sich überhaupt manches erhalten, was bei dem einzelnen Sprecher längst in Vergessenheit geraten ist. Vieles davon stammt nicht aus dem Zivil-, sondern dem Strafrecht, denn die alte Regel, daß sich die unangenehmen Ereignisse am tiefsten einprägen, gilt auch in diesem Zusammenhang. Würde man daher ernst damit machen und aufschreiben, was die Leute von sich geben, könnte man die halbe Strafrechtsgeschichte Revue passieren lassen.

Mit gespaltener Zunge reden
Freilich dürften die Leute dabei nicht mit gespaltener Zunge reden, sonst wäre ihren Ausführungen nicht zu trauen. Aber damit sind wir schon in medias res. Gewöhnlich wird die Metapher von der gespaltenen Zunge mit der Schlange in Verbindung gebracht, die wegen ihrer Doppelzüngigkeit als ein Ausbund von Falschheit gilt. Der Ausdruck hat aber noch einen anderen Ursprung: Das Herausschneiden oder – milder – Spalten der Zunge war unter anderem einmal eine Strafe für Meineidige. Von jemand, der eine gespaltene Zunge besaß, konnte also jeder wissen, daß seinem Wort nicht zu trauen war. Für die Menschen des Mittelalters hatte diese Strafe eine doppelte Funktion: sie diente einmal der Kennzeichnung des Täters und sollte ihn zugleich an dem Organ strafen, mit dem er gefrevelt hatte, getreu dem Motto: „Wodurch man sündigt, dadurch wird man gebüßt.“ Im Mittelalter waren solche „spiegelnden“ Strafen häufig, weil sie dem Wunsch, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, bildlich nahekamen. So wurden dem Meineidigen, der ja „mit Mund und Hand“ gefrevelt hatte, bisweilen auch die Schwurfinger oder die ganze Hand abgehauen, auch der Dieb verlor häufig die Hand, der Brandstifter wurde verbrannt, und vom Betrüger hieß es in einer alten Quelle ganz unverblümt: „Wer mit Beschiß umgangen, wird geschupft, bis er beschissen aus der Pfütze kommt“, d.h. in den Stadtgraben geworfen, in den damals alle Abwässer eingebracht wurden. Die dabei benutzte Schupfe oder Schüppe ist im Laufe der Zeit außer Gebrauch gekommen; im übertragenen Sinn aber wird auch heute noch mancher auf die Schippe genommen.

Schlitzohren
Das waren die rechten Strafen für alle Schelme und Schlitzohren, wird mancher denken und liegt damit gar nicht einmal so falsch, obwohl wir von Schlitzohren heute eine ungleich günstigere Meinung haben. Hat man nicht oft genug dem früheren Bundesminister Höcherl mit anerkennendem Unterton eine bajuwarische „Schlitzohrigkeit“ bescheinigt? Ein Schlitzohr zu sein, das heißt heute nichts anderes, als über ein gerüttelt Maß an Menschenkenntnis, Bauernschläue und Geriebenheit zu verfügen, mit der man in allen Lebenslagen die Oberhand behält. Ein Schlitzohr weiß, wie man die Leute zu nehmen hat, und kennt alle Schliche, Finten und Auswege – eine durchaus beneidenswerte Eigenschaft also. Indessen war die Schlitzohrigkeit früher einmal genauso wörtlich gemeint wie die gespaltene Zunge. Kleinen Dieben und Betrügern wurde das halbe Ohr kupiert, bisweilen auch nur ein Schlitz hineingeschnitten, um sie für jedermann kenntlich zu machen. Bei Seeleuten soll es vorgekommen sein, daß man ihnen zur Strafe den etwa getragenen Ohrring herausgerissen hat, wodurch ebenfalls ein Schlitz im Ohr entstand. Davor braucht den heutigen Schlitzohren nicht mehr bange zu sein.

Gebrandmarkt und gezeichnet
Mit dem Spalten der Zunge und dem Schlitzen der Ohren bzw. dem Abschneiden beider war unter anderem bezweckt, den Betreffenden für alle Zeiten zu zeichnen und zu brandmarken und damit aus der besseren Gesellschaft auszuschließen. Man kann sicher darüber streiten, ob das richtig war. Falsch wäre es nur, bei dem Wort „brandmarken“ an romantische Cowboyfilme zu denken. Die Redensart, daß jemand gebrandmarkt ist, ist nämlich nicht auf Kälber, sondern auf Menschen bezogen. Kleineren Übeltätern wurde früher häufig ein sogenanntes Schandmal in die Haut gebrannt. Während heute alles getan wird, um den Strafmakel zu tilgen, damit dem Täter der Weg in die Zukunft nicht verbaut wird, waren unsere Vorfahren genau umgekehrt daran interessiert, aller Welt zu zeigen, was einer auf dem Kerbholz hatte. Bei kleineren Dieben und Betrügern, bei Dirnen und fahrendem Gesindel griff man daher zu dem probaten Mittel, dem Betreffenden vor der Stadtverweisung ein Brandzeichen auf Backe oder Stirn, gelegentlich auch auf die Schulter zu brennen. Der so Gebrandmarkte war dann in der Tat auf ewig gezeichnet. Wie Paracelsus schrieb, waren diese Strafen dazu gut, daß man sich zu hüten wisse, „da einer einen Brand, ein Zeichen an der Stirne habe, ein anderer am Backen, ein anderer hat die Ohren nimmer, der andere etliche Finger verloren, die Zunge verloren. Diese henkersmäßig lästerliche Zeichen alle, ein jedes sein besonderes Laster zeigt.“ In einem Fall traf die Strafe der Brandmarkung sogar einen begnadeten Künstler: Veit Stoß. Er hatte sich einer Urkundenfälschung schuldig gemacht, und obwohl er dafür nach damaliger Praxis Schlimmeres verdient gehabt hätte, ließ der Nürnberger Rat Gnade vor Recht ergehen und begnügte sich mit einer Brandmarkung. „Man hat nie keinen so lind gebrennt“, schrieb der zeitgenössische Chronist. Stoß dankte es den Nürnbergern, indem er noch eine Reihe von Werken für ihre Stadt schuf.

Am Pranger stehen
Deutlicher als bei der Brandmarkung hat sich die frühere Wortbedeutung bei der Redensart erhalten, daß jemand an den Pranger gestellt wird. Dazu tragen nicht zuletzt die vielen Prangersäulen bei, die sich in alten Städten erhalten haben oder die man an der früheren Stelle wiedererrichtet hat. In Bonn, Celle, Goslar und anderwärts kann man sich nach wie vor ein Bild davon machen, was es hieß, zur Strafe an den Pranger gestellt zu werden: nämlich an exponierter Stelle wehrlos den Blicken, dem Spott, aber auch leichteren Tätlichkeiten seiner Mitmenschen preisgegeben zu sein. Gelegentlich wurde das Prangerstehen damit kombiniert, daß der Ausgestellte bestimmte Schandzeichen tragen mußte, die sein Vergehen sichtbar machten. Klatschsüchtigen Frauen wurde so etwa eine Schandmaske mit überdimensionalen Ohren und lang heraushängender Zunge aufgestülpt; für Rauf- und Saufbolde gab es Masken in Form eines Schweinskopfes, und den Spielhanseln und Falschspielern hängte man eine Kette mit hölzernen Spielkarten um den Hals.

Haut und Haar, Kopf und Hals
Brandmarken und Prangerstehen gehörten übrigens zur niederen Gerichtsbarkeit, die nur Strafen an Haut und Haarumfaßte. Um die gravierenderen Delikte kümmerte sich die höhere Gerichtsbarkeit, die Strafen an Hals und Hand verhängte. Hier konnte man leicht Hand und Fuß verlieren; mancher wurde im wahrsten Sinn des Wortes einen Kopf kürzer gemacht; die Galgenvögel aber kamen an den Galgen, wo sie hängen und würgen mußten. Es soll tatsächlich Ganoven gegeben haben, denen eine solche Aussicht nicht den Humor verschlagen hat. Einen solchen Galgenhumor kann man heute nur noch im übertragenen Sinn beweisen.

Spießrutenlaufen
Eine ähnliche Bedeutung wie das Prangerstehen hat mittlerweile auch das Spießrutenlaufen angenommen. Wer Spießruten läuft, muß an einem Spalier feindseliger oder verächtlicher Blicke vorbeigehen. Auch hier war die Sache ursprünglich gefährlicher, denn das „Recht der langen Spieße“ war eine im 16. Jahrhundert gebräuchliche militärische Todesstrafe. Die Kameraden des Delinquenten bildeten dabei eine Gasse, der durch die sog. Spießgesellen Verurteilte mußte durch diese hindurchlaufen und wurde von beiden Seiten mit den langen Landknechtsspießen attackiert, bis er tot umfiel. Der Profoß, so heißte es in einer zeitgenössischen Beschreibung, stellt „den armen Mann für sich und gibt ihm drei Streich auf die rechte Achsel, im Namen des Vaters, Sohns und des heiligen Geists, und stellt ihn gegen die Spieße und läßt ihn laufen.“ Und wenn dann „der arm Mensch verschieden ist, so kniet man nieder und tut ein Gebet. Danach macht man ein Ordnung und zieht dreimal um den Körper, und die Schützen schießen dreimal ab im Namen des heiligen Geists Dreifaltigkeit …“ Später wurde daraus eine bloße Prügelstrafe, eben das Spießrutenlaufen. Der Verurteilte mußte dabei mit entblößtem Oberkörper hinter dem Korporal die Gasse abschreiten, wobei seine Kameraden mit Stöcken auf ihn einschlugen. „Die militärischen Strafen sind Strafwachen, Arreste, Stockschläge, Spießruten“, schrieb ein Bayernreisender im 18. Jahrhundert. „Aber in Bayern lauft der Verbrecher nicht mehr, sondern er wird zum Vorteil seiner Gesundheit geführt.“ Gesund oder nicht gesund – besser als unter der Fuchtel zu stehen war dies allemal. Denn beim „Fuchteln“ wurde der Soldat mit der blanken Degenklinge geschlagen, so daß Blut floß.

Aller guten Dinge sind drei
Bei der Schilderung des „Rechts der langen Spieße“ wird sich mancher an die Floskel erinnert haben, daß aller guten Dinge drei sind. Sicher geht diese Redensart auch auf die Angewohnheit zurück, alle möglichen Dinge oder Handlungen mit der heiligen Zahl Drei zu multiplizieren: dreimal darf man raten, drei Wünsche gibt die gute Fee frei, und drei Versuche hat der Sportler beim Wettkampf auch heute noch. Auch das Recht war von dieser Manie nicht frei: „An drei Schöffen nimmt der König die Wahrheit“, hieß es einmal oder auch: „Gott hat drei Dinge geschaffen: den Adel, den Bauern und den Pfaffen.“ Die Redensart von den „drei guten Dingen“ hat aber noch einen anderen Ursprung. Das Thing oder Ding war die germanische Gerichtsversammlung, zu der alle Rechtsfreien erscheinen mußten. Das war bei den damaligen Verkehrsverhältnissen eine ziemliche Last, und deshalb wurde die Dingpflicht durch Karl den Großen auf drei „echte Dinge“ pro Jahr beschränkt. Auch Ludwig der Fromme schärfte im Jahr 819 noch einmal ausdrücklich ein, daß „jährlich höchstens drei echte Dinge besucht werden müssen und niemand gezwungen wird, mehr Gerichtsverhandlungen zu besuchen, es sei denn, daß irgend jemand [in einem gebotenen Ding] angeklagt wird.“ Ein anderer, wenngleich ähnlicher Ursprung unserer Redensart dürfte folgender sein: Wenn jemand zum gerichtlichen Zweikampf herausgefordert wurde, um mit Hilfe eines Waffengangs über Recht und Unrecht zu entscheiden – im Verhältnis der Staaten untereinander ist das immer noch ein gebräuchliches Verfahren –, und trotz Ladung nicht erschien, so wurde er zum zweiten- und zum drittenmal geladen. Wenn er jetzt immer noch nicht erschien, wurde in seiner Abwesenheit ein Scheingefecht veranstaltet. Der Kläger mußte dabei mit dem Schwert in den Wind schlagen und wurde dann zum Sieger erklärt. Kommt der Beklagte auch bei der dritten Ladung nicht hervor, heißt es dazu im Sachsenspiegel, „so soll der Kläger aufstehen … und zwei Schläge und einen Stich gegen den Wind führen. Damit hat er jenen solcher Klage überführt … Und so soll der Richter den Angeklagten richten, als ob er im Zweikampf überwunden worden wäre.“ Auch das geläufige „jemand dingfest machen“ hängt mit dem Gericht zusammen: Wer sich dem Gericht nicht stellt, wer „dingflüchtig“ ist, muß notfalls eingefangen, eben „dingfest gemacht“ werden. Selbst der heutige Strafverteidiger ist davon abgeleitet: Das tagading oder taiding war der Gerichtstermin, und wer sich auf dem taiding rechtfertigen wollte, mußte sich eben „verteidingen“.

Schreien und Zappeln wie am Spieß
Neben dem Spießrutenlaufen gibt es noch eine andere Redensart, in der von Spießen die Rede ist: schreien oder auch zappeln wie am Spieß. Man sagt das so leicht dahin, obwohl das Aufspießen, die „Pfählung“, eine überaus grausame Todesstrafe war. Wie eine solche Pfählung vor sich ging, hat Ivo Andrić in seinem nobelpreisgekrönten Roman „Die Brücke über die Drina“ minutiös beschrieben: Der Delinquent wird auf den Boden gelegt, die Beine werden ihm gewaltsam auseinandergezogen, dann wird ihm ein langer zugespitzter Stab vom After her längs durch den Körper getrieben, bis er an der rechten Schulter wieder hervortritt. Danach wird der Pfahl aufgerichtet, und da das Herz bei dieser Prozedur unverletzt geblieben ist, kann der Unglückliche noch Stunden leben. Daß er zunächst geschrien und dann wohl nur noch verzweifelt gezappelt hat, kann man sich vorstellen. Das unmenschliche Pfählen galt vielfach als eine türkische Spezialität. Wer Mozarts Oper „Entführung aus dem Serail“ kennt, erinnert sich vielleicht an die berühmte Arie des Haremswächters Osmin: „Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen…“ Aber die Sache war auch bei uns bekannt. So wurde 1504 ein mehrfacher Mörder in Wien in Aufsehen erregender Weise gepfählt, und auf manchen Flugblättern, auf denen angebliche Hostienschändungen durch Juden dargestellt sind, sieht man die Täter im Hintergrund in Reih und Glied wie Insekten auf Spieße aufgesteckt. Einem Bruder Ludwigs XIV., der homoerotisch veranlagt war, wird übrigens ein Witzwort nachgesagt, das Ansätze von Galgenhumor erkennen läßt: die Pfählung sei diejenige Todesstrafe, die am angenehmsten beginne und am unangenehmsten ende.

Wie lebendig begraben
Die Pfählung kam aber auch noch in einer anderen Form vor, bei der dieser Spaßvogel nicht einmal am Anfang auf seine Kosten gekommen wäre. Der Pfahl wurde hier nichts längs, sondern quer durch den Körper getrieben. Bisweilen fand dies in Verbindung mit einer anderen Todesstrafe Verwendung, dem Lebendigbegraben. Der Verurteilte wurde hier gleichsam am Boden festgenagelt, um ein „Wiedergängertum“ zu verhindern, und dann mit Erde bedeckt. Auch davon hat sich in der Sprache etwas erhalten. Wer eine Zeitlang in völliger Zurückgezogenheit verbringen muß, fühlt sich gelegentlich wie lebendig begraben. Womöglich erinnert diese Redensart aber gar nicht an das Lebendigbegraben im eigentlichen Sinn, sondern an das „Einmauern“. Bei vornehmen Leuten und Adligen wurde eine an sich verwirkte Todesstrafe bisweilen dadurch ersetzt, daß der Täter zu „ewigem Gefängnis“ bzw. zur „Einmauerung“ verurteilt wurde. Damit wurde er zwar am Leben erhalten, aber gänzlich von der Außenwelt abgeschnitten. Eingemauert in einem einzigen Raum, wurde er nur durch ein winziges Loch mit Nahrung versorgt. Manchmal fand diese Einmauerung im eigenen Hause statt, gelegentlich mußte aber auch der Scharfrichter für die Verwahrung des Verurteilten sorgen. In jedem Fall war der Betreffende für die Welt gestorben, war gleichsam wie lebendig begraben.

Wie gerädert, wie zerschlagen
Wem das Gefühl des Lebendigbegrabenseins fremd ist, hat indessen vielleicht ein anderes Gefühl schon einmal verspürt: Sei es das Wetter, die Arbeit oder die Hitze – man fühlt sich wie gerädert, so, als wären einem die Knochen im Leib zerschlagen. Das ist nicht schlecht gesagt, denn eben darum ging es beim Rädern. Der Delinquent wurde hier zunächst auf eine „Breche“ gelegt. Das ging in der einfachsten Form so vor sich, daß ihm dreikantige Holzscheite unter die ausgestreckten Arme und Beine geschoben wurden, und zwar dergestalt, daß Ober- und Unterarme sowie Ober- und Unterschenkel gleichsam „hohl“ zu liegen kamen. Auf diese Weise konnten sie durch Schläge mit einem schweren Gegenstand leicht zertrümmert werden. Zu diesem Zweck bediente sich der Scharfrichter eines großen Wagenrades, das meist an einer Seite mit einer eisernen „Brechleiste“ versehen war. Damit stieß er seinem Opfer mit wuchtigen Schlägen alle Arm- und Beinknochen sowie das Brustbein entzwei. (Das Radebrechen, das stoßweise Verstümmeln einer Sprache, leitet sich noch davon ab.) Nach vollzogener Prozedur wurde der im wahrsten Sinn des Wortes windelweich Geschlagene kunstgerecht auf das Rad geflochten und dieses an einem Pfahl aufgerichtet und zur Schau gestellt. So grausam das Rädern war, so gab es doch Abstufungen. Beim Rädern „von oben“ wurde der erste Schlag, der sog. Gnadenstoß, auf das Brustbein gesetzt; der Delinquent hatte daher meist einen schnellen Tod. Beim Rädern „von unten“ begann die Prozedur bei den Gliedmaßen, was die Leidenszeit verlängerte. Im Verlauf der Aufklärung setzte sich die Praxis durch, den Verurteilten vorher oder gleichzeitig zu erdrosseln. Auf manchen Abbildungen kann man daher sehen, daß der auf der Breche liegende Delinquent einen Strick um den Hals hat, der hinter seinem Kopf durch einen Bügel hindurchgeführt ist. Während der Scharfrichter mit dem Rad zum Stoß ausholt, zieht sein Gehilfe am Strick und bringt das Opfer so „vorzeitig“ zu Tode. In dieser Form hielt sich das Rädern bis ins 19. Jahrhundert hinein. Selbst im aufgeklärten Preußen wurde der Vollzug erst 1811 aufgegeben. Immerhin wurde der Student Karl Heinrich Brüggemann aber noch wegen seiner Teilnahme am Hambacher Fest von 1832 vom Berliner Kammergericht zur Todesstrafe „mit dem Rade von oben her“ verurteilt. In der Folge erging freilich Gnade vor Recht: Brüggemann wurde erst zu Festungsarrest begnadigt und 1840 schließlich ganz entlassen. Förmlich aufgehoben wurde das Rädern in Deutschland dagegen erst um 1850.

Ein Klotz am Bein
Die Beispiele zeigen es zur Genüge: man wird die Last der Vergangenheit nicht los, sie hängt wie ein Klotz am Bein. Und selbst diese Redensart ist nur ein weiteres Beispiel dafür. Die Sache ist von zahlreichen Witzbildern her bekannt: Häftlinge tragen hier als Statussymbol häufig eine Eisenkugel am Bein, durch die ihr Aktionsradius ziemlich eingeschränkt wird. Ähnlich wie bei Weidetieren fanden zu diesem Zweck aber meist schwere Holzklötze Verwendung, die gelegentlich mit Eisenbändern beschlagen waren. Mit solch einem Klotz am Bein war das Weglaufen nicht leicht. Angehängte Klötze gab es übrigens noch in anderem Zusammenhang: die sog. „Lastersteine“ oder „Bagsteine“, die teils wirkliche Steine, gelegentlich aber auch schwere, mit Eisen beschlagene Holzklötze waren. Sie sollten nicht am Weglaufen hindern, vielmehr war das Steintragen eine öffentliche Strafe, die wegen kleinerer Delikte verhängt wurde, u.a. wegen Zank- und Streitsucht. Den Betreffenden wurde dabei ein Bagstein um den Hals gehängt, und damit mußte er zur eigenen Schande und zur Belustigung der anderen einen vorbestimmten Weg abschreiten. Die Inschrift auf manchen Steinen läßt über diesen Verwendungszweck keinen Zweifel aufkommen: Wer Lust zu Streit und Hader hat,/ der muß dies tragen durch die Stadt.“

Jahr und Tag
Im Ergebnis war das Steintragen in relativ kurzer Zeit abgemacht, wogegen es sich bei dem sprichwörtlichen Klotz am Bein meist um eine Angelegenheit von längerer Dauer handelte, womöglich um Jahr und Tag. Wer sich ein Bild davon machen will, woher diese Redensart stammt, wird im Sachsenspiegel fündig werden. An die Frist von Jahr und Tag werden hier zahlreiche Rechtsfolgen angeknüpft. Nur zwei Beispiele, erstens: „Die über Jahr und Tag in der Reichsacht sind, die erklärt man durch Urteil für rechtlos, und man erkennt ihnen ihr Eigengut und ihr Lehen ab“, und zweitens: „Was einer nicht Jahr und Tag in seinem rechtmäßigen Besitz hat, dafür soll er sich auf der Stelle verantworten, wenn man ihn deswegen verklagt.“ Allerdings hatte die Frist einen anderen Umfang, als man nach ihrem Wortlaut vermuten möchte: nach den Quellen betrug sie häufig nicht Jahr und Tag, sondern ein Jahr, sechs Wochen und drei Tage (also ein Dutzend Monate, ein halbes Dutzend Wochen und ein Viertel Dutzend Tage), manchmal auch nur ein Jahr und sechs Wochen.

Überzeugen und Ohrenzeugen
Auch in anderen Fällen erweist sich der Sachsenspiegel als wahre Fundgrube, wie man sich leicht überzeugen kann. Machen wir die Probe aufs Exempel mit dem Begriff „überzeugen“. Gelegentlich war es möglich, den vom Gegner vor Gericht erbrachten Zeugenbeweis nicht durch einen Eid, sondern dadurch zu widerlegen, daß man einfach mehr Zeugen aufbot. „Wenn zwei Lehensleute auf ein Gut Anspruch erheben und gleichen Zeugenbeweis anbieten“, heißt es im Sachsenspiegel, „so soll man … wegen des Besitzes die Bauern und die nächsten Nachbarn fragen. Wer von ihnen die Mehrheit der Zeugen für sich hat, der hat seinen Besitz von Rechts wegen nachgewiesen.“ Das war dann im wahrsten Sinn des Wortes überzeugend. Das Beispiel macht nebenbei deutlich, daß man vom Beweis damals eine andere Vorstellung hatte. Während man heute nach der materiellen Wahrheit fragt und daher die erbrachten Beweise materiell würdigt, also beispielsweise dem einen Zeugen mehr glaubt als dem anderen, je nach dem Eindruck, den beide machen, begnügte man sich früher mit einer formellen Beweisführung, bei der richterliches Ermessen grundsätzlich ausgeschlossen war. Der Beweis war dabei gewissermaßen ein äußerer Akt, der das Zünglein an der Waage nach genau feststehenden Regeln in Bewegung setzte. Noch im hohen Mittelalter konnte sich etwa der Beklagte von jedem gegen ihn erhobenen Vorwurf durch einen Reinigungseid mit der gehörigen Zahl von Eideshelfern freischwören. Allein den auf frischer Tat Ertappten und den „landschädlichen Leuten“, die bedenkenlos jeden Eid geschworen hätten, war dies versagt. Hier genügte es, wenn umgekehrt der Kläger mit sechs Eideshelfern die Tat beschwor. Damit wurde der Beklagte zwingend überführt oder vielmehr, wie es hieß, „übersiebnet“. Die Eideshelfer waren nicht unbedingt Wahrnehmungszeugen im heutigen Sinn. Ihre Aufgabe war es vielmehr, die Glaubwürdigkeit des Klägers oder des Beklagten zu bekräftigen. Wahrnehmungszeugen gab es aber ebenfalls, unter anderem in Gestalt von Ohrenzeugen. Diese haben ihren Namen nicht etwa davon, daß sie Gehörtes berichten sollten, sondern daß sie an ihren Ohren zu einem wichtigen Geschehen hinzugezogen wurden. Bevor sich die Beurkundung eingebürgert hatte, war es schwer, lange zurückliegende Vorgänge wie etwa Eigentumsübertragungen zu beweisen. Man behalf sich damit, daß man Kinder kräftig an den Ohren zog und an dem Vorgang teilnehmen ließ. Der erlittene Schmerz, so nahm man an, würde ihnen unvergeßlich in Erinnerung bleiben und damit zugleich auch das Ereignis, um das es allein ging.

Ein Mann, ein Wort
Wer heute einen Juristen mit abfälligem Unterton einen „Formaljuristen“ nennt, hat meist keine Vorstellung davon, in welchem Umfang der Rechtsgang früher einmal formalisiert war. Das Gerichtsverfahren vollzog sich in genau festgelegten Schritten, auf allen Stufen war den Parteien der Gebrauch ganz bestimmter Worte, Formeln und Gesten zur Pflicht gemacht. Das geringste Versehen, ein Haltungsfehler, ein Versprechen oder das Verschlucken einer Silbe konnte den Verlust des Prozesses zur Folge haben, denn eine Verbesserung war oft ausgeschlossen. Es galt der Grundsatz: „ein Mann, ein Wort“. „Mit gespitzten Ohren und lauerndem Blicke“, schrieb ein Kenner dieser Materie, „heimtückischen Sinnes verfolgte ein Teil des anderen Rede und Gebärden, um bei dem geringsten Anlasse, wo er ihn packen und fassen konnte, hervorzubrechen. Für das Volk, welches die mutigsten Recken ins Feld stellte, war die Gerichtsstätte der Tummelplatz der kleinlichsten Wortkrämerei.“ Gegen die Gefahren dieses Formalismus gab es nur ein einziges Gegenmittel: man mußte sich eines Vor- oder Fürsprechers bedienen, der es gewohnt war, vor Gericht aufzutreten. An dessen Fürsprache war die Partei zum Teil nur dann gebunden, wenn sie seine Worte billigte. Das konnte dadurch geschehen, daß sie ihm nach getaner Rede die Hand auf die Schulter legte. Also: gewußt wie! Allein für den Stammler war der Formalismus auch so gemildert: „Wenn sich ein Stammler verspricht, so kann er sich verbessern“, liest man im Sachsenspiegel. „Schädigt er damit einen anderen, dessen Fürsprecher er ist, so kann dieser den Schaden mit einem anderen Fürsprecher gutmachen.“

Ein heißes Eisen anfassen
Unter dem Einfluß der Aufklärung, die nur an der „materiellen Wahrheit“ selbst interessiert war, stieß der Formalismus des älteren Gerichtsverfahrens auf immer weniger Verständnis. In seinem Aufsatz „Von dem wichtigen Unterschiede des wirklichen und förmlichen Rechts“ versuchte Justus Möser die alte Sicht des Prozesses noch einmal zu verteidigen. Nach seinen drastischen Worten tut es „im eigentlichen Verstande nichts zur Sache, ob …die Richter geirret haben oder nicht“, denn „ihr letzter Ausspruch verwandelt wirkliches Weiß in förmliches Schwarz und umgekehrt“. Die Herrschaft des förmlichen Rechts war nach Möser nicht einmal von Übel. Im Gegenteil: „das wirkliche Recht könnte zur Not in der Welt ganz entbehrt werden.“ Aber damit faßte er wohl damals schon ein heißes Eisen an. Und wenigstens in diesem speziellen Punkt dürfte auch er das förmliche Recht seiner Vorfahren strikt von sich gewiesen haben. Denn die Eisenprobe war ein Ordal, ein Gottesurteil, das bereits im Mittelalter außer Gebrauch gekommen war. Zwar hieß es noch im Sachsenspiegel: „Die ihr Recht durch Raub oder Diebstahl verloren haben, wenn sie zum zweitenmal des Diebstahls oder Raubs beschuldigt werden, so können sie ihre Unschuld nicht mehr beschwören. Sie haben dann dreierlei Wahl: das glühende Eisen zu tragen oder bis zum Ellenbogen in einen Kessel mit siedendem Wasser zu greifen oder sich gegen einen Lohnkämpfer zur Wehr zu setzen.“ Aber schon dem Nürnberger Schuhmacherpoeten Hans Sachs waren diese Verfahren fremd geworden. Das sieht man an der Art, wie er das Motiv der Eisenprobe in einem seiner Schwänke verwendet hat: Ein Ehemann wird von seiner eifersüchtigen Ehefrau geplagt und erklärt sich zum Beweis seiner Unschuld schließlich bereit, ein heißes Eisen zu tragen. Dieses Kunststück gelingt, weil er in seiner Hand heimlich einen Holzspan versteckt hat. Aber dann verlangt er von seiner Frau dieselbe „Feuerprobe“. Der Erfolg ist wie erwartet: sie verbrennt sich jämmerlich. In Wirklichkeit wurde der Unschuldsbeweis nicht dadurch erbracht, daß jemand das heiße Eisen anfaßte, ohne sich zu verbrennen. Brandwunden trug selbstverständlich jeder davon. Diese wurden jedoch verbunden und der Verband nach einigen Tagen wieder gelöst. War die Wunde in Heilung begriffen, so war die Unschuld dargetan; hatte sie dagegen geeitert, so war der Betreffende schuldig. Unter dem Einfluß der Kirche wurden solche Ordalien zunehmend zurückgedrängt, bis sich nur noch ihr Name erhielt: ein heißes Eisen anfassen oder die Hand für etwas ins Feuer legen. Aber auch der Name „Ordal“ hat sich erhalten: im Urteil lebt er fort bis auf den heutigen Tag. Wer scherzhaft daran erinnert, daß man auf hoher See und vor Gericht in Gottes Hand sei, weiß wahrscheinlich nicht, daß in dem Begriff „Urteil“ genau dieselbe Weisheit enthalten ist.

Die Daumenschrauben anlegen
Eine andere Bewandtnis hat es mit einem späteren Beweismittel, das zu Justus Mösers Zeiten noch nicht überall beseitigt war: die Daumenschrauben anziehen. Auch dies hängt mit dem formellen Beweisrecht des damaligen Strafprozesses zusammen. Der im Mittelalter aufgekommene Inquisitionsprozeß hatte zwar den bis dahin zulässigen Reinigungseid abgeschafft, dafür aber das Geständnis an seine Stelle gesetzt: Wer die Tat gestand, war formell überführt; wer dagegen hartnäckig leugnete, dem war auf andere Weise schwer beizukommen. Bei entsprechendem Tatverdacht setzte man daher eine peinliche Befragung ein und spannte den Angeklagten auf die Folter, um dem für die Verurteilung erforderlichen Geständnis ein wenig „nachzuhelfen“. Der Phantasie der peinlichen Befrager und ihrer Handlanger war lange Zeit keine Grenze gesetzt, und die Daumenschrauben, mit denen die Daumen in einer Art Schraubzwinge plattgedrückt wurden, waren eher eines der milderen Mittel dabei. Als die Zweifel an diesem Vorgehen sich mehrten, ging man zunächst daran, die peinliche Befragung gewissermaßen zu „humanisieren“ und zu „rationalisieren“. Die Dauer der Folter wurde für jeden der vorgesehenen drei „Grade“ auf eine Viertelstunde beschränkt, die zulässigen „Instrumente“ wurden gesetzlich genau bestimmt. Eine gewisse Berühmtheit erlangte dabei das Kriminalgesetzbuch Maria Theresias von 1769. Es enthält eine Reihe von interessanten Kupferstichen, auf denen die zulässigen Foltergeräte fein säuberlich abgebildet und in ihrer Funktionsweise genau beschrieben sind. Auch über das richtige Anlegen der Daumenschrauben kann man sich hier präzise informieren.

Den Stab brechen
Zur gleichen Zeit wurde allerdings auch der Kampf gegen die gesetzlich verordnete Folter überhaupt geführt, und das nicht ohne Erfolg: In Preußen wurde die peinliche Befragung stufenweise zwischen 1740 und 1754 aufgehoben, in Österreich 1776, in Osnabrück 1798 (hier übrigens auf Betreiben Mösers). Man sollte daher über diese Epoche unserer Geschichte nicht vorschnell den Stab brechen; denn damit wäre nach dem Sprachgebrauch jener Zeit ein endgültiges Verdammungsurteil gesprochen. Mit dem Zerbrechen des Stabes wurde das Todesurteil über den Angeklagten öffentlich besiegelt. Während das eigentliche Inquisitionsverfahren unter Ausschluß der Öffentlichkeit ablief, wurde zu diesem Zweck meist unter freiem Himmel ein „endlicher Gerichtstag“ veranstaltet. Dies war eine Art Gerichtstheater, bei dem die Fragen und Antworten der Beteiligten – ähnlich wie bei den stalinistischen Schauprozessen der dreißiger Jahre – bis ins Detail vorgeschrieben waren. Eines der letzten Gesetze, in denen dieses aufwendige Verfahren geregelt war, dürfte die Gothaische Prozeßordnung von 1776 gewesen sein. Der Richter mußte hier zunächst ein sich über viele Seiten erstreckendes Frage- und Antwortspiel inszenieren. Danach, so heißt es weiter, „zerbricht er den Stab und wirft ihn hinter sich. Hierauf werden die Bänke umgestoßen, der arme Sünder aber wird sodann durch des Scharfrichters Leute auf den Richtplatz geführet …“ In Goethes Faust geht es weniger dramatisch zu, wenn das arme Gretchen für seine Tat büßen muß: „Die Menge drängt sich, man hört sie nicht…. Die Glocke ruft, das Stäbchen bricht.“ In Mannheim, so wird berichtet, wurde der Stab noch im Jahr 1900 gebrochen, allerdings nicht mehr durch den Richter, sondern durch den Staatsanwalt.

Der Bissen, der im Hals stecken bleibt
Bei einigen der bisherigen Beispiele hat den einen oder anderen Leser womöglich das Gefühl beschlichen, als würde ihm der Bissen im Halse stecken bleiben. Das war ursprünglich ganz wörtlich gemeint. In der Zeit, als der Unschuldsbeweis noch mit Feuer- und Wasserprobe, mit Kesselfang, Pflugschargang, Los oder Zweikampf geführt werden konnte, kannte man auch das Ordal des geweihten Bissens. Dem Beweisführer wurde hierbei ein mit Zauberworten besprochener Bissen Brot oder Käse in den Mund gesteckt. Konnte er ihn unzerkaut schlucken, war der Beweis geführt, andernfalls mißlungen. Unter christlichem Einfluß kam dieses Verfahren auch in der Form vor, daß der Beweisführer eine Hostie schlucken mußte. Einem Lügner, so meinte man, werde der geweihte Bissen von selbst im Halse stecken bleiben.

Experimentum crucis
Allerdings könnte diese Redensart auch anders entstanden sein; denn das Bild vom stecken bleibenden Bissen leuchtet auch unabhängig vom Gottesurteil ein. Es käme also auf den Beweis an, auf ein experimentum crucis sozusagen. Freilich scheint diese Kreuzprobe schon früher nicht sehr beliebt gewesen zu sein. Um den Zweikampf einzudämmen, hatte sie Ludwig der Fromme zunächst allen zugänglich gemacht, „die zaghaft, kränklich oder schwach sind und nicht kämpfen können“. Aber schon 819 wurde sie untersagt, während sich der Zweikampf als Beweismittel noch lange Zeit gehalten hat. Gewöhnlich denkt man bei einem experimentum crucis an ein besonders stichhaltiges Beweisverfahren, bei dem die umstrittene These einem Test auf Biegen und Brechen ausgesetzt wird. Tatsächlich war die Sache denkbar einfach: Die beiden Konkurrenten breiteten die Arme waagrecht aus; wer sie zuerst sinken ließ, hatte verloren. Als etwa in einem Teich des Klosters Bischofsheim ein neugeborenes Kind gefunden wurde und der Verdacht auf die Nonnen fiel, mußten, wie es heißt, zur Ermittlung der Schuldigen alle Nonnen die Arme ausbreiten. Oder ein anderes Beispiel: eine Frau beschwert sich, daß ihr Mann ihr niemals beigewohnt habe; darauf die Anordnung des zuständigen Provinzialkonzils: Kreuzprobe für beide. In der Sache hatte dieses Beweisverfahren fast alle Vorteile, die man sich wünschen kann: es war schnell, billig und schmerzlos. Wenn es nicht außer Gebrauch gekommen wäre, könnte man auch heute noch unnütze Streitigkeiten auf einfache Weise damit abkürzen. Viele Bücher wären überflüssig, zahllose Abhandlungen könnten ungeschrieben bleiben – vielleicht auch diese. Aber dafür ist es jetzt zu spät. Auf ein ähnlich günstiges Verfahren kann man wahrscheinlich warten, bis man schwarz wird. Das wird einem nämlich im Hinblick auf einen goldenen Adler erzählt, der in der Nürnberger Burg an die Decke gemalt ist: Wenn der letzte Türke zum Christentum übergetreten sei, werde dieser Adler schwarz werden. Darauf kann man lange warten, wie man sieht.

Denkzettel
Damit nicht allzu viel vom Strafrecht die Rede ist, will ich noch zwei Beispiele aus dem Zivilprozeß bringen. Aus dem sogenannten gemeinen bürgerlichen Prozeß stammt zunächst der Querulant. Damit war ursprünglich nicht jemand gemeint, der an allem etwas zu nörgeln findet, aber doch etwas ähnliches: nämlich eine Prozeßpartei, die sich mit dem an sich verbindlichen Urteil nicht abfinden will und mit der Nichtigkeitsklage, der querela nullitatis, dagegen vorgeht. Da diese Klage in vielen Fällen 30 Jahre lang möglich war, konnte man, wo man es mit einem Querulanten zu tun hatte, seines Sieges im Prozeß nicht froh werden. Wie gern hätte mancher einem dieser Zeitgenossen, die einem das fröhliche Streiten verleiden, einen Denkzettel verpaßt! Der "Gedenkzettel" war ursprünglich eine besondere Schrift des Gerichts an den Kläger, worin ihm die Terminsladung des Beklagten mitgeteilt wurde, damit er sich ebenfalls einfinden konnte. Später erst nahm der Begriff die Bedeutung einer spürbaren Sanktion an. Wie so vieles, begann auch diese Entwicklung zivil und endete peinlich. Schön dagegen wäre es, wenn dieses kleine Abhandlung dem Leser als Denkzettel in einem anderen Sinn dienen würde: nämlich als Erinnerung daran, was in unserer Sprache alles enthalten ist, wenn man nur darauf achtet.