Gans und Puchta - Dokumente einer Feindschaft 

Aus: Juristenzeitung 1998, S. 763 – 770

I.      Einleitung
1.      Rauhe Sitten im Gelehrtenstreit
Nach einer Bemerkung Jherings beruht der Wert der feinen Sitte darauf, daß sie es den Gebildeten ermögliche, „trotz persönlicher Abneigungen und Antipathien und trotz des schroffsten Gegensatzes der Ansichten und Interessen miteinander zu verkehren“, so daß auf ihrem Boden „selbst Todfeinde sich begegnen können“. Während beim „gemeinen Mann“ jeder Streit leicht in Zanken, Schelten und Schimpfen ausarte, weil der Streitende die Persönlichkeit des Gegners mit ins Spiel ziehe, wirke die feine Form dahin, „daß sie den Streit auf den Streitstoff beschränkt und der Gefahr vorbeugt, ... daß nicht nutzlos Öl ins Feuer gegossen, nicht die Flamme zum Brande entfacht werde, ... kurz gesagt: sie bewirkt eine Disziplinierung des Streits unter den Gebildeten“1.

Auf Zanken und Schimpfen zu verzichten, fällt freilich auch Gebildeten überall da schwer, wo absolute Geltungsansprüche aufeinanderprallen, namentlich also in der Wissenschaft, wo sachliche Meinungsverschiedenheiten sich leicht zu persönlichen Fehden auswachsen. Spitze Zungen haben behauptet, daß Gelehrte eigentlich immer im Naturzustand miteinander leben und daß man sie nur bei ihren Streitigkeiten zu beobachten brauche, um sich ein Bild von den Verhältnissen zu machen, in welche die Gesellschaft unweigerlich zurückfalle, wenn die zivilisatorischen Errungenschaften einmal ihren Dienst versagen sollten.

Wer die Wissenschaft nur aus der Perspektive akademischer Festvorträge kennt, mag dies für übertrieben halten. Es gibt jedoch Auseinandersetzungen, bei denen die Wogen derart hochschlagen, daß man sich der Einsicht in den soeben behaupteten Zusammenhang schwer verschließen kann. Ein Musterbeispiel dafür bildet der historische Zwist zwischen Eduard Gans und Georg Friedrich Puchta, den beiden ungleichen Schülern sowohl Hegels als auch Savignys. Dieser Streit verdient es noch immer, in Erinnerung gerufen zu werden, sei es auch um zu zeigen, wie sich die Verhältnisse gestalten, wenn von der Richtigkeit ihrer Auffassung überzeugte Gelehrte ohne Rücksicht auf Verluste um die Sache streiten.

2.      Eduard Gans als Gegner Savignys
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Kontrahenten, die sich bis diesem Streit einander gegenüberstanden. Eduard Gans (1797 - 1839) ist vor allem als entschiedener Gegner der historischen Rechtsschule bekannt. Ursprünglich war er als Schüler und Verehrer Savignys aufgetreten2. Als jedoch offenbar wurde, daß Savigny seiner „akademischen“ Laufbahn Schwierigkeiten in den Weg legte, war er zu diesem in eine immer schärfere Opposition geraten. Den geistigen Rückhalt für seine Auseinandersetzung mit Savigny fand er in der Folge bei dem Philosophen Hegel, an den er sich von 1823 an immer enger anschloß3. Als Gans nach jahrelangen Querelen schließlich doch neben Savigny an die Berliner Universität berufen wurde, war das gleichbedeutend mit einer Spaltung der Fakultät. Denn nicht genug, daß beide verschiedene Ziele anstrebten, so waren sie noch dazu höchst unterschiedliche Charaktere4. Savigny zog die Hörer durch seine kühle Sachdarstellung an, Gans dagegen war durch sein Temperament und seine Rhetorik der geborene Volkstribun. Widersprüchlich fiel demgemäß auch die Reaktion des Publikums aus. Während Gans von einem Teil seiner Hörer begeistert gefeiert wurde, stieß er bei den überzeugten Anhängern Savignys auf Ablehnung. „Seine Miene war mir zuwider“, bemerkte Bluntschli5 einmal kurz und bündig. „Er ist ... unausstehlich“, heißt es bei Otto Mejer, „wenn man ihn im Sprechzimmer mit dem immer würdevollen, herrlichen Savigny vergleicht.“6 Bei Schweigaard steigerte sich die Antipathie zu einem Gefühlsausbruch, den man kaum glauben würde, wenn es nicht nachzulesen wäre:

„Daß ein so plumper Scharlatan auf einem Katheder steht und eine der größten Rollen an der ersten Universität Europas spielt, ist doch zum Verzweifeln. Ich habe ihn zweimal gehört, wo er eine solche Masse von Unsinn mit so bodenloser Frechheit und Selbstgefälligkeit ausspie, daß sich mein moralisches Gefühl in seinem Innersten empörte. Von einem Marktschreier fordert man doch, daß er durch eine gewisse Gewandtheit seiner Kunstgriffe den Betrug verbergen soll; hier aber liegt der Scharlatanismus so offen am Tage, daß man ihn bei jeder Vokabel, die aus seinem Munde geht, mit Händen greifen kann.“7
Der eigentliche Gipfel des Gelehrtenhasses aber wurde erst bei Puchta erreicht.

3.      Puchta als „Lieutenant du roi“
Hatte Gans als Schüler Savignys begonnen, um sich später an Hegel anzuschließen, so war der Lebensweg Puchtas (1798 - 1846) genau umgekehrt verlaufen: Puchta hatte das Nürnberger Gymnasium just zu der Zeit besucht, als Hegel dort Rektor war, und war auf diese Weise in den Genuß der philosophischen „Propädeutik“ gekommen, die Hegel seinen Schülern vorgetragen hatte. Als Jurist dagegen hatte Puchta mit hegelscher Philosophie seinem eigenen Verständnis nach weniger im Sinn8, sondern betätigte sich vielmehr als eine Art Berserker im Dienste Savignys bzw. wie er selbst einmal formulierte: als dessen „Lieutenant du roi“9. Die Briefe Puch­tas an Savigny –  die Gegenbriefe scheinen verloren zu sein – enthalten u.a. die bisher meist unveröffentlichten Kommentare zu seiner öffentlichen Auseinandersetzung mit Gans.

Es ist bekannt, daß Puchta die Polemik um der Polemik willen liebte und wirkliche oder vermeintliche Gegner mit gnadenlosen Attacken verfolgte10. An Arroganz ließ er es dabei nicht fehlen11. Puchta war es denn auch, der den Streit zwischen Gans und der historischen Schule über Jahre hinweg schürte und immer von neuem ins rein Persönliche zog, während sich Savigny im Hintergrund hielt.

II.     Puchtas Attacken gegen Gans
Warum Puchta zum eigentlichen Haßgegner von Gans wurde, ist ungewiß. Soweit ersichtlich, ist er Gans niemals persönlich begegnet. Daß er Gans wegen dessen jüdischer Herkunft verfolgte, darf man ausschließen. Denn einmal war Gans, seitdem er sich 1825 hatte taufen lassen, nach den damals gängigen Vorstellungen kein Jude mehr12. Zum andern unterhielt Puchta zu Siegmund Zimmern, Friedrich Julius Stahl und Felix Mendelssohn-Bartholdy – alle drei konvertierte Juden wie Gans – freundliche und sogar freundschaftliche Beziehungen. Aber Gans hatte die historische Schule, nachdem er sich von Savigny abgewandt hatte, „auf Leben und Tod“ herausgefordert13. Offenbar fühlte sich Puchta berufen, diesen Kampf anstelle Savignys mit allen Mitteln zu führen.

1.      Die Rezension des Erbrechts
Die Gelegenheit, sich auf Gans „einzuschießen“, ergab sich zunächst anläßlich einer Rezension der ersten beiden Bände des „Erbrechts in weltgeschichtlicher Entwicklung“ von Gans.

Mit diesem Werk hatte Gans es unternommen, dem Programm der historischen Schule ein Gegenprogramm entgegenzusetzen. Wenn Savigny die rechtswissenschaftliche Forschung nachdrücklich auf das römische Recht verwiesen hatte14, so unternahm Gans hier den Versuch, die verschiedensten Rechtsordnungen als bloße Momente im universalen Entwicklungsprozeß der Menschheit darzustellen. Im Ergebnis lief das nicht nur auf eine verstärkte Historisierung, sondern – ein Dorn im Auge aller Anhänger der historischen Schule – auch auf eine Politisierung hinaus15. Da sich Gans ungescheut als Jünger Hegels erklärte, war für jedermann klar, daß damit Hegels „Weltgeist“ gegen Savignys „Volksgeist“ ausgespielt wurde. Noch dazu hatte Gans dem 1. Band das bekannte Reizwort Thibauts16 vorangestellt, wonach zehn geistvolle Vorlesungen über die Rechtsverfassung der Chinesen in den Studierenden mehr juristischen Sinn wecken würden „als hundert über die jämmerlichen Pfuschereien, denen die gesetzliche Intestaterbfolge von Augustus bis Justinian unterlag.“17 Das war deutlich, und Gans mochte erwartet haben, daß man sich dagegen zur Wehr setzen werde. Als nichts dergleichen geschah, beklagte er sich im Vorwort des zweiten Bandes mit herben Worten über die ihm gegenüber praktizierte Methode des „Stillschweigens“18.

Puchta spürte die Gereiztheit des Zurückgesetzten und kostete sie in seiner Besprechung weidlich aus. Anstatt die Polemik auf die eigentlichen Sachfragen zu beschränken, lenkte er den Blick ausdrücklich auch auf die „Subjektivität des Verfassers“, noch dazu mit der Bemerkung, man werde „dem Rezensenten nicht zumuten, bei diesem allerdings traurigen Stoff lange zu verweilen“19.
„... der Zustand eines Menschen“, führte er aus, „der gepfropft voll Wut und Ingrimm gar niemanden findet, der sich mit ihm einließe, ist gewiß höchst unangenehm. In der Verzweiflung hat er nun einen Streit vom Zaun gebrochen ... Wahrlich, dieses eifrige Bestreben nach Kampf und Sieg verdient Belohnung, nämlich Erhörung.“20

Was die Schärfe des Ausdrucks angeht, war Puchta seinem Gegner zumindest ebenbürtig. Wenn Gans die historischen Juristen dahin charakterisiert hatte, sie seien vom „Haß gegen das Gesetz und ... gegen den Staat“ erfüllt, der das Gesetz erlassen habe21, so bezeichnete Puchta diese Bemerkung etwa als die „Äußerung eines groben Fanatismus“, bei der man daran denken müsse, „daß der Verfasser sich in einem polemischen Rausch befindet, der ihn die Worte nicht wägen läßt, welche seinem vielleicht gereizten Gemüt entfliehen“22. Interessant ist auch, daß Puchta damals noch glaubte, zwischen Gans und Hegel einen Keil treiben zu können:
„Wir können den Verfasser einen Hegelianer, seine Methode die hegelianische nennen, und wir brauchen diese Bezeichnungen in dem Sinn und deshalb, weil wir nicht wissen, ob Hegel sich zu den Herrlichkeiten bekennen möchte, die hier mit seinen Begriffen hervorgebracht werden. Rezensent, der selbst Hegel zum Lehrer hatte, muß dies sogar geradezu in Abrede stellen.“23

Puchta konnte freilich nicht wissen, daß Hegel es als Erfolg verbuchte, daß seine Philosophie mit dem von Gans vorgelegten Buch auch in der juristischen Fakultät Platz griff24. Was er ebenfalls nicht wissen konnte, war, daß Klenze – ein anderer Schüler Savignys – in der Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft in der Folge ebenfalls einen universalgeschichtlichen Entwurf25 vorlegen sollte, wenn auch nur, um Gans vorzuführen, wie man dabei zu Werk gehen müsse26. Als Puchta davon erfuhr, reagierte er verärgert.

„Einen ebenso unangenehmen Eindruck hat auf mich Klenzes Aufsatz in der Zeitschrift gemacht“, schrieb er an Savigny. „Vor allem war mir schon die Tendenz widerstrebend, einem Menschen, von dem man kaum sagen kann, worin er schwächer ist, in der Philosophie oder in der Geschichte, zu zeigen, daß man doch auch etwas vermöchte, eine Tendenz, welche gerade durch das Verbergen, durch ein gewisses absichtliches Umgehen des Helden recht sichtbar wird. Wenn dieser Mensch in Berlin wirklich nicht bloß ein Publikum hat, sondern auch mit einer gewissen Dauer sich geltend macht (die liebe Einfalt der Frau von Cotta erzählte mir dies als einen Beweis der Berliner Kultur, in der Meinung, sie sage mir damit etwas für mich sehr Wünschenswertes), so ist dies doch ohne Zweifel nicht der Weg, dem dortigen Publikum die Augen zu öffnen – meiner unmaßgeblichen Meinung nach. Das aber ginge etwa noch hin. Aber die Abhandlung selbst ist, was das Römische Recht anlangt, wenn mich nicht ein böser Dämon blendet, zum Erschrecken oberflächlich. Man kann kaum sechs Seiten lesen, ohne auf einen groben Irrtum oder eine schiefe Behauptung zu stoßen; man glaubt gar nicht einen Juristen vor sich zu haben. Das hat mich ganz melancholisch gemacht. Und das muß man sich alles auf den Kopf zu sagen lassen, denn wer wird Lust haben, dem ungeschickten Gegner selbst die Waffen in die Hände zu spielen, die ihm vielleicht fehlen. Vielleicht; denn manches ist stark genug, um auch von ihm gesehen zu werden, und dann müssen wir gar die Freude erleben, uns von Gans belehren zu lassen und seinen Triumphgesang anhören zu müssen, ohne den Trost, daß er Unrecht hat.“27

2.      Die „Gegenrezension“ zur Geschichte des römischen Rechts
Schon vor diesen brieflichen Auslassungen hatte Puchta indessen einen weiteren Angriff auf Gans unternommen. Den Anlaß dazu gab eine messerscharfe Besprechung von Savignys Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, die Gans in den „Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik“ veröffentlicht hatte28. Darin hatte er, respektlos, wie er war, Savignys Darstellung als „äußerlich“ kritisiert, weil es sich mehr um eine Geschichte der Rechtsquellen und der Literatur als der Dogmen handle. Es sei auffallend, hatte er ausgeführt, daß „weniger der Fortgang und der Faden der ganzen Aufgabe als das Interesse an episodischem Einzelnen durchblick[e]“, ja, „dieser Mangel des Verhältnisses episodischer Darstellung zum Hauptgegenstand des Werkes [sei] gerade ein Kardinalmangel der Savigny’schen Behandlungsweise überhaupt“29. Man könne, so hieß es weiter, „des Cujacius Schriften und Meinungen sehr wohl in sich aufnehmen, ohne seine oder wohl gar seiner Tochter Schicksale zu kennen“, mit denen Savigny sich zu beschäftigen nicht verschmäht habe30.

Die Anhänger Savignys waren außer sich. „Die Gansische Rezension hat alle Welt außer Schlegel empört“, schrieb Lachmann an Jacob Grimm31. Dieser war derselben Meinung, setzte aber doch hinzu: „gleichwohl ist die Rezension nicht ohne Geist und Witz, wodurch sie sich vor den vorausgehenden auszeichnet“32. Von einem solchen Zugeständnis war Puchta weit entfernt. In seiner gegen die Rezension gerichteten Erwiderung beschuldigte er Gans vielmehr der „beschränkteste[n] Unwissenheit“33 und ließ seinem Haß freien Lauf.

„Man kann jedem seine Meinung über die Bedeutung einer Seite der Wissenschaft lassen“, führte er aus, „aber eine so gemeine, wie hier laut wird, sollte doch wenigstens lieber ganz im Stillen bleiben. Wir sehen einstweilen davon ab, daß aus jeder Zeile eine völlige Unkunde des Inhalts und Wesens einer Literärgeschichte spricht, aber welche Aussicht eröffnet sich uns, wenn eine solche Gemeinheit noch in unseren Tagen unter der Aegide einer sich mehr als eine andere geltend machenden Philosophie sich breit machen darf.“34
Puchta nahm nicht einmal Anstand, Gans in der Manier von Gassenjungen polemische Ratschläge zu erteilen:
„Darf ich nach meinem bisher an seiner Arbeit gezeigten Interesse ihm einen Rat geben, so wäre es der, vor allem bei Betrachtung der Literärgeschichte der gemeinen Gedanken an die Susanne Cujas sich zu entschlagen, dann aber auch bei einem an sich unscheinbaren Faktum auf die Möglichkeit eines verborgenen besonderen Zusammenhangs zu achten, wenn derselbe auch nicht dem hausbackenen, pedantischen Verstande vorliegt....“35
Aber selbst das genügte Puchta noch nicht. Er konnte es nicht lassen, hinzuzusetzen, daß die Gans’sche Rezension „nur durch ein Versehen der Redaktion ... in die Jahrbücher geraten“ sei, und da bisher „von dieser Seite noch nichts für die Verbesserung dieses Versehens geschehen“ sei, so wolle er – Puchta – dieser Zeitschrift „wenigstens dadurch, daß [er] etwas aus ihr hinwegzunehmen suche, einen kleinen Dienst ... erweisen“36.

Eingeleitet war diese rüde Abfertigung durch eine Vorbemerkung des Herausgebers Hasse, der darauf hinwies, daß der folgende Aufsatz „von einem dankbaren Schüler Savignys“ stamme. Durch die Hervorhebung des Wortes „dankbar“ wurde dem Leser auf dezente Weise angedeutet, daß man es bei Gans mit einem undankbaren Schüler Savignys zu tun habe, sodann aber, wie sich die Dankbarkeit Savigny gegenüber zu äußern habe.

3.      Die Polemik gegen Gans’ Besitzrechtskritik
Auch der nächste Angriff Puchtas entzündete sich an einer Kritik, die Gans an Savigny geübt hatte37. In seinem 1827 erschienenen „System des römischen Civilrechts“ hatte Gans es nämlich gewagt, auch das „Allerheiligste“ selbst, Savignys „Recht des Besitzes“, anzutasten38. In diesem Werk war sich Savigny nicht recht schlüssig darüber geworden, ob der Besitz eine Tatsache oder ein Recht sei. An sich, „seinem ursprünglichen Begriffe nach“, hatte er den Besitz als „ein bloßes Faktum“ bezeichnet. Wegen der Besitzschutzklagen, welche die Rechtsordnung damit verbunden habe, sei er aber auch ein Recht. Also sei er „Faktum und Recht zugleich“39. Das war eine zweifelhafte Auskunft, deren Folge sich in systematischer Hinsicht darin zeigte, daß die Besitzschutzklagen bei Savigny nicht im Sachen-, sondern im Deliktsrecht abgehandelt wurden. Es konnte nicht ausbleiben, daß Gans diesen neuralgischen Punkt entdeckte und mit der Seziernadel darin herumbohrte. In sichtbarer Anlehnung an Hegel40. legte er demgegenüber seine eigene Position dar: der Rechtsgrund des Besitzes liege „in der Stellung der Person zur Sache“. Sei der Wille der Person, mit dem sie die Sache habe, „bloß ihr besonderer“, so sei ihr Haben „ein bloß anfangendes, unmittelbares Eigentum oder Besitz“; sei der Wille dagegen „auch allgemeiner anerkannter Wille“, so werde das Haben „wirkliches Eigentum“. Daß „schon der besondere, wenn auch noch so unrechtliche Wille“ geschützt werde, sei darin begründet, daß bereits dieser subjektive Wille, „wo er sich in den Sachen äußer[e], ein Recht [sei] und als solches behandelt werden“ müsse41. Als „anfangendes Eigentum“ aber gehöre der Besitz an die Spitze der Sachenrechte, wohin er bisher auch schon von anderen gestellt worden sei42.

Landsberg43 hat dies später eine „gediegen juristische, auch im Ton sachlich und vornehm gehaltene Widerlegung des Savignyschen Standpunktes“ genannt, mit der Gans „weithin Eindruck“ gemacht habe. Kein Wunder also, daß Puchta schon bald auf den Plan trat, um Savignys Besitzrecht durch einen eigenen Aufsatz44 zu verteidigen. Die Passagen, in denen er sich dabei mit dem „neueste[n] Systematiker, Professor Gans“, auseinandersetzte45, lassen von Sachlichkeit wiederum nur wenig spüren. „Sehr schwach und sehr zahm“ sei die Polemik gegen Savigny ausgefallen, heißt es einleitend – eine Verbindung, die „bei jenem Autor ... nicht gerade häufig“ eintrete. Der kurze Sinn der langen Rede von Gans, fuhr Puchta fort, sei der, daß der Besitz „nichts“ sei. Denn Eigentum sei er nicht, „weil er nur anfangendes sein soll“, und was er sonst noch sein könnte, werde „nicht gesagt“. Gans habe daher nur bewiesen, „daß er weder weiß, wovon die Rede ist, noch wovon er selbst redet“. Seine Ausführungen verdienten es allein, hervorgehoben zu werden als „ein Beispiel höchst kläglicher Pfuscherei in die Philosophie“. „Ich will jedoch lieber gleich die Sprache derjenigen Philosophie reden, welche unser Mann bekennt“, heißt es weiter. Und dann versuchte Puchta vorzudemonstrieren, was Gans, wenn er Hegel verstanden hätte, richtigerweise hätte sagen müssen. Das ging nicht ab, ohne Gans noch einmal eine „große Gedankenlosigkeit“ und einen „bedeutenden Mangel an philosophischer Bildung jeder Art“ zu bescheinigen. Der eigentliche Clou aber war, daß Puchta erklärte, Savigny habe dem äußeren Anschein zum Trotz zur Rechtsnatur des Besitzes noch gar nicht Stellung genommen; also habe er auch nichts Falsches sagen können46.

Landsberg47 hat Puchtas Aufsatz mit knappen Worten einmal so charakterisiert: Puchta beginne „mit einer tiefen Verbeugung vor Savigny, um sich dann zu dessen Grundansicht über die rechtliche Natur des Besitzes in diametralen Gegensatz zu stellen“; er endige „mit einer Reihe von Fußtritten gegen Gans, nachdem er inzwischen dessen Grundansicht über die rechtliche Natur des Besitzes im wesentlichen, nur in eine andere philosophische Schulsprache übertragen, übernommen“ habe; und er erreiche dadurch, „für die Zeitgenossen und bis auf den heutigen Tag, daß er als der entschiedenste Anhänger von Savigny und als der entschiedenste Gegner von Gans“ gelte.
Es dürfte Gans, der ebenfalls nur ungern eine Gelegenheit zur Polemik ausgehen ließ, nicht leicht gefallen sein, hierauf zu schweigen. Aber verstrickt in die Auseinandersetzungen, die nach seiner Ernennung zum Ordinarius einsetzten48, schwieg er vorerst doch.

4.      Die Rezension der „Vermischten Schriften“ Im Jahr 1834 brachte Gans zwei Bände „Vermischte Schriften“ heraus, welche die meisten Aufsätze über juristische, historische und ästhetische Themen enthielten, die er an verschiedenen Stellen bisher veröffentlicht hatte. Für einen 37jährigen mochte eine solche Bilanz ungewöhnlich sein. Im Vorwort rechtfertigte Gans die Sammlung jedoch damit, daß er sich künftig „auf die Vollendung größerer Arbeiten oder auf objektive Pläne“ verlegen wolle49. Womöglich spürte er auch, daß es um seine Gesundheit nicht zum besten stand – er hatte nur noch wenige Jahre zu leben –, und wollte mit seinen Kräften künftig sorgsamer umgehen. Gemessen an dem üblichen Spektrum juristischer Schriftstellerei waren die beiden Bände zweifellos eine Grenzverletzung. „Wird hier nicht der Umfang zur Oberflächlichkeit, die angepriesene Vielseitigkeit zu seichtem Verhandlen führen?“ fragte er vorsichtshalber selbst. Die Antwort wollte er freilich dem Leser überlassen, der hierüber „allein zu entscheiden“ habe50.

In Puchta, der auch über dieses Werk eine seiner berüchtigten Rezensionen verfaßte, fand Gans einen wenig geneigten Beurteiler. Ohne sich viel in die Lage zu versetzen, in der sich Gans befunden haben mochte, fuhr er in der gewohnten Weise höhnisch über ihn her:
„Der Verfasser führt so ziemlich einen Leisten, und wer sich viel mit ihm abgegeben hätte, könnte beiläufig immer schon im voraus wissen, welch ein Schuh herauskommt, wenn er ein Leder zur Hand nimmt. Ebenso sind Ton und Manier in allen seinen Arbeiten unverkennbar dieselben; in allen ist zu treffen jene tiefe Oberflächlichkeit, jene Zuverlässigkeit, welche zuweilen unwillkürlich an das Prädikat erinnert, das unlängst englische Journale in ihrem Zorne einem hochberühmten Staatsmanne gegeben haben – dann eine gewisse Naivetät, und was die Hauptsache ist, die Anwendung der tiefsten und bedeutendsten Kategorien- und Gedankenformen auf alles, was ihm eben unter die Hände kommt.“51
Wenngleich diese Besprechung anonym gedruckt wurde, dürfte Gans wohl nicht verborgen geblieben sein, aus wessen Feder sie stammte. Denn Puchta war auf dem Deckblatt des Heftes als einer der Autoren genannt, und so grobschlächtig wie er war bisher niemand sonst öffentlich gegen Gans aufgetreten.

III.    Der Höhepunkt der Auseinandersetzung
1.      Gans revanchiert sich mit gleichen Mitteln
Gans hatte von den Anfeindungen Puchtas bis dahin nur beiläufig Notiz genommen52. Das eigentliche Ziel seiner Kritik war Savigny, der sich indessen in Schweigen hüllte. Erst in der 6. Auflage seines Besitzrechts53 ließ Savigny sich herab, Gans mit Namen zu nennen und über dessen Theorie des  Besitzes beiläufig sein Unwerturteil auszusprechen. Wer sich näher für diesen Gegenstand interessierte, wurde von Savigny u.a. auf Puchta verwiesen, der freilich, wie wir bereits wissen, den Besitz ebenso wie Gans nicht als Faktum, sondern als Recht bezeichnet hatte54.

Das war für Gans nun doch ein Grund, auf die Barrikaden zu gehen. Er tat es mit einer kleinen Schrift „Über die Grundlage des Besitzes“, die er im Untertitel „Eine Duplik“ nannte – seine letzte selbständige Druckschrift übrigens; denn kurz darauf erlitt er einen Schlaganfall, den er nicht überlebte.

Die Auseinandersetzung mit Savigny ist hier nicht weiter von Interesse, zumal Gans selbst betont, es sei „zwischen dem Haupt der historischen Schule und einigen Nachzüglern derselben wesentlich zu unterscheiden“. Er habe „nie dem ersteren bedeutendes Verdienst, würdige Haltung, edle Gesinnung und ehrenwerte Persönlichkeit im geringsten absprechen mögen“, und sein Streit mit ihm beziehe sich „nur auf die Sachen“. Wenn dagegen „bei den letzteren“, bei den Nachzüglern Savignys also, „einige Persönlichkeit sich einschleichen“ müsse, „so mögen die sie verantworten, welche das erste Beispiel gegeben haben“. Damit aber hat Gans vor allem Puchta im Auge: „Zuerst Puchta. Wenn hier unsere Polemik mehr den Charakter eines Angriffs mit dem Bajonette erhält, so wird man die veränderte Weise des Kampfes auf Rechnung der Retorsion zu stellen haben, die das literarische Völkerrecht stets für erlaubt hielt.&ldquo55 Dann aber erfolgt die lange aufgeschobene Abreibung:
„Sie haben sich, Herr Puchta, denn nun müssen wir uns zueinander wenden, nunmehr wiederum teils in einer Kritik, teils in einer eigenen Schöpfung56 als der Mann, welcher Sie sind, aufgewiesen, und wir wollen Ihnen, wenn wir auch nach neun Jahren erst Zeit dazu finden, Rede stehen. Sie bemerken zuerst gegen mich, daß meine Polemik gegen Savignys Ansichten sehr zahm und sehr schwach sei, setzen aber auch glücklicherweise für mich hinzu, daß diese Verbindung bei mir selten eintrete. Nun sollen Sie diesesmal entschieden recht behalten. Wenn Sie sich auch über Schwäche der Deduktion nach wie vor beklagen mögen, so sollen Sie, was Sie betrifft, doch keine Veranlassung haben, die Zahmheit zu bedauern.“57
Wenn Puchta versucht hatte, Gans Nachhilfeunterricht in Hegel’scher Philosophie zu erteilen, so drehte dieser den Spieß jetzt einfach um:
„Sie haben nämlich einmal in Ihrer Jugend auf den Schulbänken zu Nürnberg gesessen, als dort Hegel Rektor war; Sie haben wahrscheinlich bei ihm die Anfangsgründe der Metaphysik und Logik gehört, und wenn ich nicht irre, hat er mir sogar einmal davon gesprochen. Nun wird er damals nicht ermangelt haben, seinen Schülern vorzudemonstrieren, daß das reine Sein und das reine Nichts dasselbe sei, und daß die Bewegung des unmittelbaren Verschwindens des einen in dem anderen das Werden ist. Jetzt nach so vielen Jahren, wo sie längst schon zu den geisteshagern Aposteln der historischen Schule gehören, klingt dieser philosophische Begriff noch nachmahnend in Ihren Ohren; Sie können ihn nur nicht mehr gebrauchen und verstehen es nicht, sich Rechenschaft von seinem Gehalte zu geben. Sie meinen, weil das Werden doch nichts sei, sei es auch der Anfang. Sie wähnen, weil der Anfang des abstrakten Seins das Nichts ist, sei es auch der Anfang eines sehr konkreten Etwas, des Eigentums; Sie vermischen hier Sein und Etwas, und obgleich Sie weder etwas vom Sein noch das Sein des Etwas verstehen, so verfahren Sie nach Ihrem oben angegebenen Grundsatze und sprechen davon. ... Sie wollten hier noch einmal groß damit tun, daß Sie schon in dem Gymnasium in der Philosophieklasse gesessen hätten, Sie woll­ten nicht ermangeln, zu zeigen, daß Sie wüßten, was das Anderssein sei; indessen kommt notwendig zutage, daß Sie damit nichts anzufangen wissen und daß Sie eigentlich hätten bei Ihrer Sprache bleiben und kurz auf gut Puchtaisch bemerken sollen, daß ich mich bemühen müsse, zu zeigen, was der Besitz an sich sei, und ihn nicht bloß in seinem Unterschiede vom Eigentum abhandeln möchte.“58

Ungeachtet des Lärms, mit dem die Auseinandersetzung geführt wurde, war der sachliche Unterschied zwischen den Kontrahenten denkbar gering. Zwar hatte Gans den Besitz als Haben bloß nach der Seite des „besonderen Willens“, Puchta dagegen als Recht „an der eigenen Person“ bezeichnet. Aber, so fragte später Landsberg mit Grund, „was ist denn schließlich dieses Recht an der eigenen Persönlichkeit anders als die Anerkennung des subjektiven, in die Herrschaft über eine Sache der Außenwelt gelegten Willens“?59 Wo sich der polemische Nebel für einen Augenblick lichtet, kann sich Gans daher mit Puchtas Auffassung durchaus einverstanden erklären – wenn auch nur unter der für Puchta „etwas beschränkenden Bedingung, daß alle Rechte überhaupt Rechte an der eigenen Person sind und daß der Besitz sich somit von den übrigen Rechten gar nicht unterscheidet“.60 Das soll heißen: Puchta habe das Spezifikum des Besitzes nicht benannt, sei also selbst die genaue Bestimmung schuldig geblieben, deren Fehlen bei Gans er zunächst mit harten Worten gegeißelt hatte.

Die „Duplik“ von Gans kam nicht allein. Etwa zur gleichen Zeit meldete sich auch Thibaut noch einmal zu Wort und griff die Abstinenz der historischen Schule gegenüber der Gesetzgebung und ihr Verharren in nutzlosen Mikrologien an61. Der Strafrechtler Köstlin, wie Gans ein Anhänger Hegels, legte ebenfalls ein Werk vor, in dem er gegen die „gelehrte Kleinigkeitskrämerei“ und den „partielle[n] Wahnsinn der Philologie“ innerhalb der historischen Schule polemisierte62. All das wirkte auf Puchta wie ein rotes Tuch

2.      Puchta bezichtigt Gans des Plagiats
Seine erste Reaktion darauf spiegelt sich in einem Brief an Savigny wider. Vorausgegangen war offenbar ein Schreiben Savignys, in dem dieser von der „Duplik“ berichtet hatte. Puchtas Erwiderung, die einen interessanten Einblick in seine Gefühlswelt vermittelt, lautet so:
„In Ihrer Äußerung, daß ich in dem Opus von Gans noch schlimmer weggekommen sei als Sie, merke ich einen kleinen Neid. Wenn ich es schon in Berlin, wenigstens so weit als jetzt, gekannt hätte, so würde ich irgendwo, wo es ihm hinterbracht werden konnte, gesagt haben: da er die Unverschämtheit gehabt habe, mich anzureden, so bleibe mir nichts übrig, als das zu tun, was ich zu tun gehabt hätte, wenn es ihm eingefallen wäre, mich mündlich anzureden. Die einzig mögliche Art der Erwiderung wäre, einem Dritten zu sagen, was will der Mensch? Aber schon dies wäre zuviel Condeszendenz. Auch hat er’s nicht um mich verdient, daß ich ihn übel behandle; wenn ich daran denke, was ich an seiner Stelle gegen mich hätte sagen wollen, fühle ich eine Art Wohlwollen gegen ihn, ob es gleich nicht sein Verdienst ist, daß er die kahlen Stellen meines Kopfes nicht sieht und sich an den Schnitt meines Bartes hält, mit dem es bei mir ganz wohl bestellt ist.
Habe ich Ihnen schon einmal etwas aus dem zweiten Band meiner Civilistischen Abhandlungen mitgeteilt? Es sind meistenteils sehr kurze Aufsätze, an denen ich lange, lange nichts geschrieben habe. Einer geht auf Thibaut und heißt so:

Gedanken vor dem Einschlafen

Wenn ich die römischen Juristen tadle, so geschieht es freilich nur deswegen, weil ich einen zu großen Maßstab, den meinigen, an sie lege.

Auf Gans geht folgendes:

Der Kritiker
Klein zwar bin ich, doch ist mein Schatten um einiges größer,
Werf’ ich ihn, glücklich gestellt, über ein glänzendes Werk

Besser ist folgendes Epigramm, das, wenn ich nicht irre, durch sein System veranlaßt ist, möglich auch, daß ich eine andere Schrift im Sinne hatte.

Ein neues Werk
Da das System ein vollkommen organisches Ganzes ist, so hat man es für einen Beweis seiner Wahrheit angegeben, wenn jeder herausgerissene und für sich betrachtete Satz falsch ist. Dieses Buch aber hat etwas Eigentümliches. Nicht allein, wenn man sie herausnimmt, sind seine Sätze falsch, sondern auch, wenn man sie darin läßt.

Man sagt mir (denn ich selbst lese diese Zeitung nicht), daß in der gestrigen Leipziger Allgemeinen, die schon früher einen die Gans’sche Schrift betreffenden und als ein Evenement behandelnden Korrespondenzartikel aus Berlin (ohne Zweifel von Gans selbst) enthält63, ein dito steht64, worin das Gedächtnis dieser „Tat in Worten“ aufgefrischt wird. Die Differenz zwischen Gans und Ihnen sei die, daß er ein Philosoph, Sie ein Empiriker seien, er den Begriff des Besitzes philosophisch entwickle, Sie über die Worte der Gesetzstellen nicht hinausgingen. Auf die Schrift von Schaaf65 werde der große Mann schwerlich etwas erwidern, Rudorff habe eine Anzeige gemacht, die aus lauter Fragen bestehe66, und da falle einem ein bekanntes Sprichwort ein. Sie selbst hätten noch nicht geantwortet, weil alle Ihre Zeit von einer Erwiderung auf Thibaut’s Aufsatz in Anspruch genommen werde67. – Dieses verzweifelte Bestreben, sich auf eine Kampflinie mit Ihnen zu stellen, ist wie das Erklettern eines gebrechlichen Gerüstes von einer kleinen Person, das aber immer wieder, wenn sie sich gerade in Positur setzen will, zusammenbricht. Ich glaube, es wäre der glücklichste Tag seines Lebens, wenn Sie ihm irgend etwas entgegneten, z.B. geh’ aus dem Weg, Halunke! Er würde mit freudestrahlendem Antlitz durch Berlin rennen und rufen: Er hat mit mir gesprochen! – Ich sehe ihn in marternder Ungeduld verzappeln und hoffe, daß diese interessanten Korrespondenzartikel aus Berlin nicht die letzten sein werden. Nächstens wird zu lesen sein: ‘Endlich kann ich Ihnen über den weiteren Verlauf des literarischen Streits zwischen unserem berühmten Gans und Herrn von Savigny eine bestimmte Meldung machen’ – wie? sollte Savigny doch – beruhige man sich – ,ich darf Ihnen nämlich aus guter Quelle versichern, daß Herr von Savigny nicht erklärt hat, er werde Herrn Gans nicht antworten.’ – Ich habe besonders das hübsch gefunden, daß die Schrift eine Duplik heißt, das hätten Sie sich anno 1803 nicht träumen lassen, daß Ihr Werk über den Besitz ein Angriff auf Gans ist.“68

Aber Puchta müßte nicht Puchta gewesen sein, wenn die Sache damit für ihn erledigt gewesen wäre. Daß Gans ihm öffentlich die Stirn geboten hatte, ließ ihn nicht ruhen, und er sann seinerseits auf Retorsion. In seinem nächsten Brief an Savigny heißt es:
„Seit meinem letzten Brief habe ich erst eine nähere Einsicht in die Gans’sche Schrift genommen. Zu meinem Erstaunen habe ich gefunden, daß er 1) sich gegen mich auf das Retorsionsrecht beruft, daß er 2) von meiner Ansicht so gut wie nichts sagt, und endlich 3) daß seine jetzige Ansicht in der Hauptsache (von der „Formulierung“ und ähnlichen Kunststücken abgesehen) die meinige ist. Mir war wie dem Geizhals, der den Affen sein Geld zum Fenster hinauswerfen sieht. Dies scheint mir doch eine kleine Verwahrung vor dem Publikum zu fordern. Ich bin sonst nicht sicher, daß nicht dieser Eskamoteur nach ein paar Jahren mit der Beschuldigung auftritt, ich hätte, nachdem ich von Anfang als erbittertster Gegner aufgetreten sei, damit geendigt, ihn zu bestehlen.“69

Puchtas „Verwahrung“ ließ nicht lange auf sich warten. Sie erschien bereits einige Wochen später in den Kritischen Jahrbüchern für deutsche Rechtswissenschaft und war sicher eine der schlimmsten Entgleisungen, die aus seiner Feder zum Druck gelangt sind. Wie in seinen bisherigen Schmähkritiken fühlte sich Puchta aber auch hier völlig im Recht. Daß Gans ihm gegenüber einigen Grund zu einer scharfen Erwiderung gehabt haben könnte, kam ihm nicht in den Sinn. Im Gegenteil: wenn Gans behauptet hatte, „daß Referent diese Waffen zweifelhafter Natur zuerst gebraucht habe“, so müsse er „sich dagegen verwahren“70. Aber auch sonst war Puchta geradezu blind und nahm nicht wahr, was sonst jedermann sah, nämlich daß seine Besitzlehre ebenso wie die von Gans auf Hegelschen Grundlagen beruhte. Während er in einer ungedruckten älteren Abhandlung selbst eingeräumt hatte, „ähnlich“ wie er habe sich auch Gans ausgedrückt71, war er jetzt zutiefst davon überzeugt, Gans habe von ihm abgeschrieben.

„Referent denkt nicht daran, den Verfasser eines Plagiats zu zeihen. Auch zu diesem, wie zu einem andern Diebstahl, gehört der animus furandi, und neun Jahre sind eine hinreichend lange Zeit, um den fremden Ursprung eines Gedankens vergessen zu machen; ja, es ist möglich, daß der Verfasser ... die Schrift des Referenten gar nicht gelesen hat, abgesehen natürlich von den Stellen, die sein Bild zurückwerfen. Man müßte es denn unwahrscheinlich finden, daß der Verfasser, in ein Zimmer tretend, über dem Spiegel die übrigen Gerätschaften übersehen sollte. ... Der Grund gegenwärtiger Erklärung ist vielmehr lediglich die Verwahrung gegen eine künftige Taschenspielerei, deren Möglichkeit nach den oben aus der Schrift des Verfassers beigebrachten Mustern wohl vorausgesetzt werden darf.“72

Nachdem Puchta – als Richter in eigener Sache selbstgerecht wie immer – seinen Standpunkt noch einmal dargelegt hatte, schloß er seine Rezension mit den Worten:
„Der Umstand, daß der Verfasser gerade den Gegner am heftigsten angreift, dessen Ansicht er sich zufällig angeeignet hat, wird in gewissen Kreisen für eine bewundernswürdige Taktik gelten. So viel scheint gewiß, ein Autor, der für Adoptivkinder so tapfer gestritten hat, wird löwenartig kämpfen, wenn ihm das Glück einmal eigene bescheren sollte.“73

Das Unglück wollte es, daß Gans am 5. Mai 1839, unmittelbar vor der Auslieferung des Heftes der Kritischen Jahrbücher, in dem sich diese Rezension befand, starb. Auf der Innenseite des Heftumschlags brachte die Redaktion noch rasch einen entsprechenden Vermerk an74. Aber der zusätzliche unangenehme Beigeschmack, den die Rezension dadurch erhalten hatte, war damit nicht auszutilgen. Puchta spürte das wohl.

„Der Tod von Gans, den ich soeben erfahre“, schrieb er an Savigny, „gibt mir eine eigene Lehre. Gerade wird das Aprilheft der Jahrbücher ausgegeben mit einer Anzeige von seiner Duplik. Nun habe ich mir zwar, nach dem gewöhnlichen Maß gemessen, nichts vorzuwerfen, da ich nur sein Eigentum, das er mir durch die Verwendung einer Repressalie unterschieben wollte, abgelehnt und das meinige an seiner Ansicht reklamiert habe; aber was um und um ist, setzt ihn als einen Lebenden voraus. Wie gut wäre es, wenn man nicht vergäße, daß man mit Sterblichen zu tun hat. Nun wird besonders die Kälte, die ich seinen Beleidigungen entgegensetze, unangenehm berühren.“75
Puchta hätte aus dem Tod von Gans noch andere Lehren ziehen können. Denn die Berliner Korrespondenzartikel in der Leipziger Allgemeinen Zeitung, von denen er behauptet hatte, daß sie von Gans selbst herrührten, wurden auch nach dessen Tod fortgesetzt und berichteten unter anderem über das Begräbnis76.

IV.   Schluß
1.      Nachwirkungen
Unter den Anhängern von Gans löste Puchtas Rezension einen wahren Aufruhr aus, der sich zunächst gegen Puchta selbst, dann aber auch gegen die historische Schule als ganze richtete77. In Puchtas Briefen findet sich dazu mancher Widerhall. Aber auch unabhängig davon ließ Gans seinen gehässigsten Gegner auch nach seinem Tod nicht zur Ruhe kommen, sondern gab nach wie vor Anlaß zu giftigen Bemerkungen, wenngleich diese jetzt nicht mehr öffentlich wurden. Wir wollen uns daher auf zwei Beispiele dieser Art beschränken.

In dem einen Fall ging es um die Veröffentlichung von zwei Briefen, die Savigny an Gans gerichtet hatte. Vor Jahren nämlich – 1828 und 1831 – hatte Gans zweimal den Versuch unternommen, sich mit Savigny auszusöhnen. Beide Male hatte er von Savigny eine schroffe Abfuhr erhalten78. Nach dem Tod von Gans wurden beide Briefe Savignys von einem Unbekannten im „Telegraph“ veröffentlicht79. Mochte man bei Lebzeiten von Gans für Savignys Haltung Verständnis gezeigt haben - nach dem plötzlichen Tod des Adressaten warfen diese Briefe auf Savigny kein günstiges Licht. Aber Puchta, mittlerweile wieder ganz der alte, wußte Savigny zu beruhigen:
„Wenn die Bekanntmachung Ihrer Briefe an Gans von einem diesem Günstigen, Ihnen Ungünstigen ausging, so hat er, wie es solchen Leuten gebührt und vorherbestimmt ist, durch seine von Ihnen abgelehnte Veröffentlichung das dem von ihm intentionierten entgegengesetzte Resultat hervorgebracht. Wem irgend um die Wahrheit in dieser Sache zu tun ist, der kann sie hier mit Händen greifen.“80

Ein Jahr darauf veröffentlichte Wilhelm Dorow einige Briefe von Gans an Varnhagen von Ense. Darin kamen u.a. einige abfällige Äußerungen zutage, die Gans über seine Heidelberger Kollegen getan hatte81. Hier, wo es darum ging, über andere Gegner der historischen Schule abzusprechen, hätte sich Puchta eigentlich mit Gans treffen müssen. Aber er konnte es offenbar nicht ertragen, daß etwas, was er selbst meinte, von Gans kam.

„Haben Sie die gansischen Briefe in dem neusten Dorow gelesen?“ schrieb er an Savigny. „Er spricht darin von Heidelberg und von Thibaut, Zachariae, Mittermaier. Was er sagt, ist durchaus wahr, aber es klingt in seinem Munde, der von öffentlicher Verehrung Thibaut’s guten Gebrauch zu machen verstand, höchst unverschämt. Insofern liegt darin eine Bewährung dessen, was der nicht weniger unverschämte Herausgeber in der Vorrede sagt: die Veröffentlichung der Briefe sei ein Akt der Gerechtigkeit. In der Einleitung zu jenen Briefen sagt derselbe: Gans habe sich in seinen Streitigkeiten nie unedler Waffen bedient. Das nächste, was ich nun von diesem Kerl erwarte, ist die Behauptung, daß die Berliner Gassenjungen täglich neugewaschene Hemden anziehen und daß jungfräuliche Schüchternheit und ängstliche Diskretion die Hauptcharakterzüge des Herrn Varnhagen seien.“82

2.      Nochmals: die feine Sitte
Wenn der Stil der Mensch ist, urteilte Puchta einmal, „so müssen die meisten unserer Juristen die niederträchtigsten Leute sein“83. Bei dem glänzenden Verstand, der ihm durchweg bescheinigt wird84, hätte ihm ebenso auffallen können, daß dies gelegentlich selbst da zutrifft, wo man es am wenigsten vermuten würde. Aber je mehr sich jemand mit einer Sache identifiziert, desto leichter treffen bei einem Widerstreit der Meinungen zugleich die Personen aufeinander. Wer die Ansicht eines anderen kritisiert, stellt diesen dann unversehens selbst in Frage. Das ist der wahre Grund für  die Empfindlichkeit vieler Gelehrter und für den Haß, der jedem offenen Kritiker entgegenschlägt

Es zeugt von einem guten Gefühl für die Gefahren, die mit einem wissenschaftlichen Schlagabtausch verbunden sind, daß man sich seitdem bemüht hat, die feine Sitte auch für gelehrte Auseinandersetzungen verbindlich zu machen. Öffentliche Streitigkeiten von der Schärfe wie zwischen Gans und Puchta sind heute selten geworden. Hinter den Kulissen dürfte es freilich nach wie vor ähnlich zugehen. Alles andere widerspräche einfach der Lebenserfahrung. Eine Darstellung der modernen Techniken des wissenschaftlichen Konspirierens, wie sie von den heutigen Puchtas praktiziert werden, wäre daher ein nicht weniger reizvolles Thema. Allerdings wird man sich hier noch gedulden müssen. Solange die feine Sitte regiert, können Geschichten dieser Art ohne Gesichtsverlust nämlich nur von Nachgeborenen in die Öffentlichkeit gebracht werden.

  1. Rudolf v. Jhering, Der Zweck im Recht, Bd. 2, 5. Aufl. Leipzig 1916, S. 209 ff.
  2. Vgl. Johann Braun, Judentum, Jurisprudenz und Philosophie. Bilder aus dem Leben des Juristen Eduard Gans (1797 - 1839), Baden-Baden 1997, S. 77 f.
  3. Erste Dokumente: Eduard Gans, Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung, Bd. 1, Berlin 1824, S. XXXIX f.; Gans an Hegel im Oktober 1823, abgedruckt bei Johannes Hoffmeister, Briefe von und an Hegel, Bd. 3, Hamburg 1954, S. 32 f.
  4. Näher J. Braun in: Heinrichs/Franzki/Schmalz/Stolleis (Hrsg.), Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, München 1993, S. 45 (50 f.).
  5. J.C. Bluntschli, Denkwürdiges aus meinem Leben, 1. Teil, Nördlingen 1884, S. 65.
  6. Maschinenschriftliche Kopie einer ungedruckten Autobiographie von Otto Mejer, Universitätsarchiv Göttingen, S. 93.
  7. Adolf Stoll, Friedrich Karl v. Savigny, Bd. 2, Berlin 1929, S. 188.
  8. Über Puchtas Verhältnis zu Hegel vgl. W. Schönfeld, in: Festgabe für Julius Binder, Berlin 1930, S. 1 (24 ff.); R. Stintzing/E. Landsberg, Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, 3. Abt., 2. Abbd. (Text), München und Berlin 1910, S. 440 f.
  9. Puchta an Savigny am 6.11.1828, UB Marburg MS 838/30.
  10. J. Bohnert, ZRG (Germ) 96 (1979), S. 229 (236 ff.).
  11. Vgl. die bei Adolf Stoll, Friedrich Karl v. Savigny, Bd. 2, Berlin 1929, S. 379 wiedergegebenen Urteile Jacob Grimms und Rudorffs, daß Puchta sich „gerne auf sein hohes Pferd setzte“ bzw. daß er „verdammt vornehm und eingebildet in seiner Jurisprudenz gewesen“ sei. In seinem Brief an Savigny am 17.8.1829 (abgedruckt bei Joachim Bohnert, Vierzehn Briefe Puchtas an Savigny, Göttingen 1979, S. 8 [9]) mußte Puchta selbst einmal einräumen, „daß auch im gewöhnlichen Leben der Vorwurf, ich sei hochmütig, mich überall verfolgt“.
  12. Zum späteren Aufkommen des „Rassenantisemitismus“ vgl. S. Feist, Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland II (1930), S. 40.
  13. Vgl. E. Gans, Erbrecht (Fn. 3), Bd. 2, Berlin 1825, S. IX.
  14. Friedrich Carl v. Savigny, Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, Heidelberg 1814, S. 27 ff.
  15. Vgl. J. Braun (Fn. 2), S. 130 ff.
  16. A.F.J. Thibaut in: Heidelbergische Jahrbücher der Literatur, 7. Jg. (1814), 1. Hälfte, S. 527 = ders., Civilistische Abhandlungen, Heidelberg 1814, S. 433.
  17. E. Gans, Erbrecht (Fn. 3), S. IV.
  18. E. Gans, Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung, Bd. 2, Berlin 1825, S. VII ff.
  19. G.F. Puchta, Erlanger Jahrbücher der gesammten deutschen juristischen Literatur, Bd. 1 (1826), S. 1 (41).
  20. G.F. Puchta (Fn. 19), S. 42.
  21. E. Gans, Erbrecht, Bd. 2, S. 292 f.
  22. G.F. Puchta (Fn. 19), S. 43.
  23. G.F. Puchta (Fn. 19), S. 35.
  24. Hegel an Windischmann am 11.4.1824, abgedruckt bei J. Hoffmeister (Fn. 3), Bd. 3, S. 39 (41).
  25. K.A.K. Klenze, Zeitschrift für geschichtliche Rechtswissenschaft, Bd. 6 (1828), S. 1 (insbes. 114 ff.).
  26. Gans nahm diesen Aufsatz freilich ganz anders auf und sah darin das lang ersehnte Zugeständnis, daß universalgeschichtliche Arbeiten unverzichtbar seien, vgl. Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung, Bd. 3, Stuttgart 1829, S. XI.
  27. Puchta an Savigny am 24.3.1829, UB Marburg MS 838/31.
  28. E. Gans, in: Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik 1827 I, Sp. 321 ff. = ders., Vermischte Schriften, Bd. 1, Berlin 1834, S. 3 ff.
  29. E. Gans, Jahrbücher (Fn. 28), Sp. 325, 329 f. = Vermischte Schriften, Bd. 1, S. 10, 19 f.
  30. E. Gans, Jahrbücher (Fn. 28), Sp. 342 = Vermischte Schriften, Bd. 1, S. 43.
  31. Lachmann an J. Grimm am 11.4.1827, in: Briefwechsel der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit Karl Lachmann (hrsg. von A. Leitzmann), Jena 1927, Bd. 2, S. 505 (506).
  32. J. Grimm an Lachmann am 20.4.1827 (Fn. 31), S. 508 (510).
  33. G.F. Puchta, in: Rheinisches Museum für Jurisprudenz, Philologie, Geschichte und griechische Philosophie, 1. Jg. (1827), S. 327 (333).
  34. G.F. Puchta (Fn. 33), S. 334.
  35. G.F. Puchta (Fn. 33), S. 335.
  36. G.F. Puchta (Fn. 33), S. 336.
  37. Ausführlich dazu J. Braun (Fn. 2), S. 91 ff.
  38. Eduard Gans, System des römischen Zivilrechts im Grundrisse, Berlin 1827, S. 202 ff.
  39. Friedrich Carl v. Savigny, Das Recht des Besitzes, Gießen 1803, S. 22.
  40. G.W.F. Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Heidelberg 1817, §§ 403 ff.; ders., Grundlinien der Philosophie des Rechts, Berlin 1821, §§ 44, 45
  41. E. Gans (Fn. 38), S. 211 f.
  42. E. Gans (Fn. 38), S. 215.
  43. R. Stintzing/E. Landsberg, (Fn. 8), S. 365.
  44. G.F. Puchta, Rheinisches Museum für Jurisprudenz, Jg. 3 (1829), S. 289.
  45. G.F. Puchta (Fn. 44), S. 294 - 296.
  46. G.F. Puchta (Fn. 44), S. 292, 308.
  47. R. Stintzing/E. Landsberg (Fn. 8), S. 450.
  48. Vgl. J. Braun (Fn. 2), S. 81 - 85.
  49. E. Gans, Vermischte Schriften juristischen, historischen, staatswissenschaftlichen und ästhetischen Inhalts, Bd. 1, Berlin 1834, S. XI.
  50. E. Gans, Vermischte Schriften (Fn. 49), S. VIII.
  51. G.F. Puchta (anonym gedruckt), in: Jahrbücher der gesammten deutschen juristischen Literatur, Bd. 25 (1835), S. 186 (191). (Nach Joachim Bohnert, Über die Rechtslehre Georg Friedrich Puchtas, Karlsruhe 1975, S. 193, ist die Rezension von Puchta.)
  52. In seinem „System des römischen Civilrechts im Grundrisse“, Berlin 1827, hatte Gans in einer Fußnote (S. 170 f.) bemerkt: „Ein Herr Puchta in Erlangen hat die Erlanger Jahrbücher für Jurisprudenz mit einer Anzeige meines Erbrechts eröffnet, auf die ich zur Zeit bloß deswegen nicht antworten konnte, weil sie dem Gehalte nach nur den dürftigsten Auszug des Buches gab, sonst aber nichts enthielt, sondern auch, weil ich nicht glaubte, daß es einem ehrlichen Manne geziemend sei, von einem Beurteiler Notiz zu nehmen, der die ausnehmende Frechheit hat (S. 7) zu gestehen, daß er von einem großen Teile des Gegenstandes, den er beurteile, keine Kenntnis habe, auch sich niemals damit beschäftigt hätte, aber naiv hinzusetzt, daß es ja nicht ungewöhnlich sei, daß Rezensenten nichts vom Gegenstand verständen. Jetzt hat derselbe Herr Puchta in dem neuesten Hefte des Rheinischen Museums eine Antikritik meiner Rezension von Savignys Geschichte des Römischen Rechts im Mittelalter mitgeteilt, die aus einem andern Grund unangreifbar ist, weil die pöbelhafte Sprache und unwissenschaftliche Weise der Behandlung, die sich darin vorfindet, wiederum etwas ist, was ich nicht studiert habe, ich aber nicht zu denen gehöre, die ohne Kenntnis des Gegenstandes etwas beurteilen. - Herr Hasse hat den Aufsatz damit eingeleitet, daß er ihn die Arbeit eines dankbaren Schülers von Savigny nennt. Dürfte Herr von Savigny dafür seinerseits dankbar sein?“ In der Vorrede zum 3. Band seines Erbrechts (Fn. 26, S. XV) erwähnte Gans ohne Namensnennung noch einmal „eine lüderliche Anzeige in den Erlanger Jahrbüchern“, die er „früher schon einmal charakterisiert“ habe.
  53. Friedrich Carl v. Savigny, Das Recht des Besitzes, 6. Aufl. Gießen 1837, S. 46 ff.
  54. Daß Savignys Bezugnahme auf Puchta in der Sache schief war, zeigt besser als alles andere Puchtas Stellungnahme in seiner Rezension des Buches von Savigny, Kritische Jahrbücher für deutsche Rechtswissenschaft 1. Jg. (1837), S. 669 (681 ff.).
  55. E. Gans, Über die Grundlage des Besitzes, Berlin 1839, S. 33 f.
  56. Mit der „eigenen Schöpfung“ ist Puchtas Aufsatz im Rheinischen Museum für Jurisprudenz, Bd. 3 (1829), S. 289 ff. gemeint.
  57. E. Gans (Fn. 55), S. 34.
  58. E. Gans (Fn. 55), S. 35 - 37.
  59. R. Stintzing/E. Landsberg (Fn. 8), S. 368.
  60. E. Gans (Fn. 55), S. 38. Wie sehr sich Puchta seinem Gegner Gans und damit zugleich Hegel genähert hatte, geht aus seinen Ausführungen im Rheinischen Museum, Jg. 3 (1829), S. 289 (306 f.) deutlich hervor: Bei dem Schutz eines jeden Rechtes werde „auch der Wille, die Persönlichkeit geschützt“. Bei einem „Recht an einem außer der Person existierenden Gegenstand“ werde „die Persönlichkeit nur mittelbar geschützt“. Beim Besitz fehle es an einem solchen Recht an einem äußeren Gegenstand. Also sei es „hier die Persönlichkeit, der Wille, der sich selbst zum Gegenstand hat, allein und unmittelbar, welcher als das zu schützende Recht anerkannt“ werde.
  61. A.F.J. Thibaut, AcP 21 (1838), S. 391.
  62. Christian Reinhold Köstlin, Die Lehre vom Mord und Totschlag, 1. Teil, Stuttgart 1838.
  63. Leipziger Allgemeine Zeitung 1839, S. 470.
  64. Leipziger Allgemeine Zeitung 1839, S. 937.
  65. Der Student Friedrich Schaaf hatte eine kleine Schrift mit dem Titel: Gans’ Kritik gegen Herrn von Savigny, die Grundlage des Besitzes betreffend, Berlin 1839, vorgelegt, in der er Savigny gegen Gans verteidigt hatte.
  66. A.A.F. Rudorff, in: Literarische Zeitung, Berlin 1839, S. 54 f.
  67. Puchta vermengt damit – was er nicht weiß – den Inhalt beider Korrespondenzartikel. Der zuletzt angeführte Satz bezieht sich auf eine Stelle in dem zweiten Artikel, die lautet: „Es hatte sich sogar das Gerücht verbreitet, daß er [Savigny] gar nicht mehr lesen würde. Das Wahre an der Sache aber ist, daß er an der Gicht leidet (es soll die Handgicht sein, weshalb er auch bisher noch nicht an die Beantwortung der Schriften von Gans und Thibaut gehen konnte) und daß er sich schonen will, um seine Kräfte für ein großes, historisch-exegetisches Werk über die Pandekten zu bewahren, das er in der Art wie sein Buch über den Besitz auszuarbeiten begonnen hat.“ Daß der Artikel nicht von Gans stammt, geht eindeutig aus der Kritik hervor, die gleich im Anschluß an dieses Zitat an Gans geübt wird.
  68. Puchta an Savigny am 13.2.1839, Universitätsbibliothek Marburg, MS 838/60.
  69. Puchta an Savigny am 16.3.1839, Universitätsbibliothek Marburg, MS 838/61.
  70. G.F. Puchta, Kritische Jahrbücher für deutsche Rechtswissenschaft 3. Jg. (1839), 5. Bd., S. 283 (284).
  71. Der 1832 geschriebene Aufsatz wurde posthum abgedruckt in: Georg Friedrich Puchta’s Kleine civilistische Schriften, Leipzig 1851, S. 259. Über den tieferen Grund der Interdikte heißt es dort (S. 265): „Der Wille eines Rechtsfähigen fordert, auch noch ehe er als ein rechtlicher dargetan ist, bis auf einen gewissen Grad rechtliche Anerkennung, eben weil er der Wille eines Rechtsfähigen, also möglicherweise ein rechtlicher ist.“ In der Fußnote dazu schreibt Puchta: „Ähnlich hat sich Prof. Gans ausgedrückt ...“ Dessen Irrtum liege darin, daß er, „ungeachtet er der Wahrheit durch diese Auffassung der Sache schon so nahe war, sie dennoch verfehlt und zu einer so nichtigen Bestimmung des Besitzes wie die, daß er anfangendes Eigentum sei“, gegriffen habe.
  72. G.F. Puchta (Fn. 70), S. 290.
  73. G.F. Puchta (Fn. 70), S. 291.
  74. Der Vermerk lautete: „Wir bemerken, daß die Rezension, welche den Anfang dieses Heftes bildet, bereits vor vier Wochen gedruckt worden ist. Am 7. Mai. Die Redaktion.“
  75. Puchta an Savigny am 7.5.1839, UB Marburg MS 838/63.
  76. Leipziger Allgemeine Zeitung 1839, S. 1473 f., 1509 f.
  77. Näher J. Braun (Fn. 2), S. 109 ff.
  78. Näher dazu J. Braun (Fn. 2), S. 82 ff.
  79. Telegraph für Deutschland 1840 Nr. 54, S. 213 ff.
  80. Puchta an Savigny am 5.4.1840, UB Marburg MS 838/71.
  81. Vgl. Gans an Varnhagen am 26.8.1837, abgedruckt bei Wilhelm Dorow, Denkschriften und Briefe, Bd. 5, Berlin 1841, S. 50 (52).
  82. Puchta an Savigny am 7.7.1841, UB Marburg MS 838/87.
  83. Puchta an Savigny am 31.1.1841, UB Marburg, MS 838/83.
  84. Franz Wieacker, Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. Aufl. Göttingen 1967, S. 401.