Das Brodeln unter der Oberfläche

Aus: MUT 46. Jg. (2011), Nr. 527, S. 6 – 12

Die Reaktion der meisten Medien auf das Massaker von Oslo entsprach den Erwartungen. Man gab sich entsetzt, schockiert, gelähmt. Man nannte die Tat unvorstellbar, entsetzlich, menschenverachtend. Viele waren mit Schuldzuweisungen an mißliebige Personen und Gruppierungen rasch bei der Hand. Und einige wussten auch gleich, was zu tun sei: nämlich Parteiverbote, Entzug finanzieller Mittel für nicht genehme Meinungsträger, weiterer Ausbau des „Kampfs gegen Rechts“.

So oder ähnlich geht es in den deutschen Medien häufig zu, wenn irgendwo etwas los ist auf der Welt. Unlängst etwa anlässlich der verheerenden Flutwelle in Japan. Diese hatte zwanzigtausend Japanern das Leben gekostet, löste hierzulande aber eine Massenhysterie wegen der deutschen Kernkraftwerke aus und führte zu einem Wahlsieg der Bündnis-Grünen im Süden des Landes. In den Monaten davor war es der globale Klimawandel, vor dem Deutschland die Welt zu retten suchte, indem alle „Klimakri-tiker“ gewissermaßen zu Staatsfeinden erklärt wurden. Noch vorher – aber fragen Sie nicht; wer kann sich daran überhaupt noch erinnern? Das ist doch wie ein Radio, aus dem ständig aufgeregtes Stim-mengewirr dringt. Manchmal wird für einen Moment abgeschaltet. Aber gleich geht es aus beliebigem Anlaß von neuem los. Man hört am besten gar nicht mehr hin.

Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit spektakulären Ereignissen hätte anders auszusehen. Man müsste zunächst einmal seine Worte auf den Prüfstand nehmen, bevor man sie drucken läßt. Denn was verrät das für eine Menschenkenntnis, zu meinen, dass eine Tat wie die von Oslo aus dem Spektrum menschlicher Möglichkeiten herausfalle? Die Anschläge von Lockerbie, Manhattan, Madrid, London – von anderem hier nicht zu reden – beweisen doch klar das Gegenteil. Nichts ist schrecklicher als der Mensch, raunt der Chor schon bei Sophokles. Ob es uns gefällt oder nicht – es geht bei all dem um die Normalität des scheinbar Abnormen.

Wer der Erfahrung nicht traut, darf stattdessen ein Gedankenexperiment machen: Nehmen wir an, alle verfügten über ein spezielles Handy, mit dem man durch Eingabe des Namens jeden Mitmenschen eliminieren könnte. Und nehmen wir weiter an, man könnte den Täter nachträglich nicht feststellen. Kein Zweifel: von dieser Möglichkeit würde massenhaft Gebrauch gemacht werden. Womöglich wür-de unter solchen Umständen kaum jemand überleben. Denn es gibt mehr als genug Zeitgenossen, die ihre Mitmenschen aus nichtigem Anlaß zur Hölle schicken würden, wenn das ohne Nachteil für sie selbst möglich wäre.

Es trifft eben einfach nicht zu, dass alle nur hilfreich und gut sind und im Grunde ihres Herzens nur das Beste wollen. Diese wohlmeinenden Wesen sind zugleich Bestien, die das Abgründige und Unbe-rechenbare ihrer Natur unter dem Mantel der Zivilisation verbergen. Wo dieser zufällig den Blick auf das freigibt, was darunter liegt, kommen gelegentlich recht dunkle Seiten zum Vorschein. Und zwar auch bei ausgesprochenen Gutmenschen, die nichts lieber tun als das Böse zu bekämpfen. Denn auch diese sind insgeheim voller Aggressionen; jedenfalls verwenden sie keinen Vorwurf öfter als den, dass alle, die sich eine andere politische Meinung erlauben als sie, „verwirrt“ seien, „kruden“ Ideen anhin-gen, „unsinnige“ Thesen verbreiteten und bei all dem gefährlich, ausgesprochen gefährlich seien. Fak-tisch werden damit potentielle Dialogpartner aus dem gemeinsamen Diskurs ausdefiniert und für unzu-rechnungsfähig erklärt. In den sozialistischen Arbeiterparadiesen wurden Dissidenten in der Tat in die Psychiatrie verbracht und zwangsbehandelt, bis ihr Widerstand gebrochen war. Von einer solchen Pa-thologisierung ihrer Gegner träumen nach wie vor viele, und niemand denkt sich etwas Böses dabei.

Man sollte sich deshalb eine andere Betrachtungsweise zu eigen machen und nicht die Götter anrufen, warum eine Tat wie die von Oslo oder sonstwo geschehen konnte, sondern schlicht fragen, warum so etwas nicht öfter, ja warum es nicht alle Tage geschieht, wenn es doch in uns angelegt ist. Was in aller Welt hindert eigentlich den Ausbruch der bestialischen Natur des Menschen bei anderen Gelegenhei-ten? Was also ist der Grund dafür, dass Leute, die sich manchmal mehr hassen als lieben, im großen und ganzen doch miteinander auskommen? Der hauptsächliche Grund ist wahrscheinlich der, dass es Handys, mit denen man seine Mitmenschen klammheimlich ausschalten kann, bisher nicht gibt. Man muß immer noch selbst Hand anlegen und hinterlässt dabei Spuren, die zur Identifizierung beitragen. Das erhöht die Hemmschwelle ungemein. Denn auch wenn man das, was man anderen antut, damit nicht automatisch sich selbst zufügt, so ist die Selbstschädigung doch wahrscheinlich. Im Hinblick darauf erscheint es meist vorzugswürdiger, sich mit den andern irgendwie zu arrangieren. Aber eben nur meist, nicht immer. Denn es kann sein, dass jemand die zu erwartende Strafe als Preis für die Abrechnung mit seinen wirklichen oder vermeintli-chen Widersachern auffaßt und dass er diesen Preis nach Abwägung aller Umstände akzeptiert. Das gibt es tatsächlich, und es ist keineswegs „irrational“, wie jemand, der nie in die Tiefe der menschlichen Seele geblickt hat, meinen könnte.

An dieser Stelle wird das Gedankenexperiment spannend. Es konfrontiert uns nämlich mit der Frage, was einem Biedermann seine Alltagsexistenz als so wertvoll erscheinen lässt, dass er sich normaler-weise sträubt, sie für ein aufsehenerregendes Feuerwerk aufs Spiel zu setzen. Was ist es eigentlich, das uns unsichtbare Zügel anlegt und davon abhält, den dunklen Verlockungen nachzugeben, die unter der Oberfläche eines jeden brodeln? Es versteht sich, dass eine solche Frage nicht mit einem Satz beantwortet werden kann. Für Abhand-lungen über den Sinn des Lebens ist hier freilich kein Raum; wir müssen uns kurz fassen. So banal es klingen mag: den meisten verleiht wahrscheinlich bereits ihre Verankerung in der bürgerlichen Welt selbst einen gewissen Halt, ihre Aufgaben und Pflichten, ihr sozialer Status, der erlangte oder erwartete Wohlstand, die Einbindung in familiäre und freundschaftliche Beziehungen und was dergleichen mehr ist. Anderen hat man schlicht beigebracht, sich gegen ihre Mitwelt nicht ohne Not aufzulehnen – früher war das ein Teil der Erziehung. Wo diese Gewohnheit zur zweiten Natur geworden ist, hat es die erste nicht leicht, sich dagegen durchzusetzen. Von eminenter Bedeutung dürfte die Religion sein, die wohl den größten Anteil an der Domestizierung des Menschen hat, in geringerem Maße vielleicht auch die säkularen Ideologien, die als sinnstiftende Instanzen an ihre Stelle getreten sind. Das alles gibt uns Halt, solange nach eigener Einschätzung auf der Gegenseite nicht größere Gewichte auf der Waagscha-le liegen. Wer nämlich eine Paria-Existenz führt und erleben muß, dass das, was ihm wert und heilig ist, von anderen mit Füßen getreten wird, für den ist die Schwelle, die ihn vom Äußersten trennt, nicht ganz so hoch. In der westlichen Gesellschaft sind viele der Religion in einem solchen Maße entfremdet, dass sie sich überhaupt nicht vorzustellen vermögen, was es für den Anhänger einer religiösen Minderheit bedeutet, Tag für Tag mit einem Anblick konfrontiert zu sein, der ihn im Innersten empören muß. Hier ist ein Konfliktpotential im Entstehen begriffen, das sich jederzeit zu einem Eklat aufschaukeln kann. Nicht alle Religionen sind auf Versöhnung angelegt, und nicht alle empfehlen dem, der sich auf die linke Wange geschlagen fühlt, auch die rechte darzubieten.

Aber auch andere Gruppen verfügen über Grundlagen der Selbstachtung, die man nicht unterschätzen sollte. Auch wer nur seine Heimat liebt, lässt sich in dieser ungern zum Fremden machen, am wenigs-ten durch Politiker, die er selbst zu bezahlen hat. Und wer seinen Lebenssinn aus der überkommenen Kultur bezieht, wird kaum teilnahmslos zusehen können, wenn diese mutwillig zugrunde gerichtet wird. Daß solche Dinge heute nicht mehr hoch in Kurs stehen, hilft dem nicht viel, dem sie nach wie vor etwas bedeuten. Kurz: irgendwo gibt es für jeden einen Punkt, an dem er sich aus der bürgerlichen Sekurität ausklinkt. Wir wissen meist nur nicht, wo dieser Punkt liegt. Manche Leute verraten es ein-fach nicht. Sie ziehen es vor, urplötzlich zu handeln. Nicht immer mit derartigen Folgen wie in den eingangs genannten Beispielen; für den, den es trifft, aber allemal schlimm genug.

Eigentlich sollte man daher meinen, daß es zu den Aufgaben der Politik gehört, zu verhindern, daß es soweit kommt. Rein technisch gesehen stehen dafür unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Das effek-tivste wäre zweifellos dies, alles, was irgendwie gefährlich werden kann, kurzerhand zu verbieten: den Besitz von Sprengstoff, Schuß- und Stichwaffen, freie Meinungsäußerung, freie Versammlung, freie Vereinigung usw., und die Einhaltung dieser Verbote strikt zu überwachen. Diktaturen haben damit beachtliche Erfolge erzielt und wurden von vielen, die es erleben durften, nachträglich gerühmt, daß man sich nie so sicher gefühlt habe. Freie Gesellschaften haben es schwerer. Sie müssen sich, wenn sie ihre Freiheit nicht preisgeben wollen, mit Verboten zurückhalten. Im Grunde können sie nur versu-chen, das Konfliktpotential kleinzuhalten, also dem Entstehen von Gräben zwischen Klassen und Ras-sen, Religionen und Ideologien, Geschlechtern und Generationen entgegenzuwirken und allgemeinver-trägliche Formen subjektiver Sinnstiftung zu ermöglichen.

Das hört sich an, als sei es ganz einfach. Aber was genau sind eigentlich die Bedingungen einer freien und dennoch stabilen Gesellschaft? Bekanntlich hat John Rawls ein Gutteil seines Spätwerks diesem Problem gewidmet. Die öffentliche Diskussion in den Medien erweckt indessen nicht den Eindruck, daß man sich des Balanceakts, um den es hier geht, bewußt wäre. Viele scheinen noch immer zu mei-nen, daß man Gesellschaften „bauen“ oder „umbauen“ könne, indem man die Menschen entsprechend programmiert und auf dem Schachbrett der Geschichte hin- und herschiebt. Bei diesem Spiel gibt es indessen einige Unbekannte. Unter anderem müßten die erforderlichen Anordnungen in letzter Instanz auf menschliche Haut geschrieben werden. Diese hat ihre eigenen Empfindlichkeiten. Wenigstens dies sollte wissen, wer den desolaten Zustand der Welt beklagt oder über ihre Verbesserung räsoniert.