Der Geist der modernen Juristenausbildung ist leicht zu fassen

Der Geist der modernen Juristenausbildung ist leicht zu fassen

Aus: Juristen-Zeitung (JZ) 2000, S. 889

Nachdem Dr. Faust bei einem Rundflug durch die Zukunft die heutigen Universitäten kennengelernt hatte, wunderte er sich sehr, am meisten jedoch über die juristischen Fakultäten. Denn diese hatte er aus seiner eigenen Studienzeit ganz anders in Erinnerung. „Wie seltsam“, sprach er zu Mephisto, „da dreht sich alles nur noch um die Prüfung, die noch dazu ständig verschärft wird. Dennoch hört man überall Klagen, daß die geprüften Kandidaten zu nichts brauchbar seien und eigentlich noch einmal eine ganz andere Lehre nötig hätten. Warum prüft man nicht einfach, wer zur Juristerei das Zeug hat, und schickt die Andersbegabten woanders hin? Du kennst die Leute doch am besten, da sie letztlich deinesgleichen sind: Sag an, was geht hier vor?“

„O Herr“, erwiderte Mephisto, „der Geist der modernen Juristenausbildung ist leicht zu fassen. Eigentlich muß man nur wissen, daß für die allein begehrten Stellen höchstens ein Zehntel aller Kandidaten gebraucht wird; die andern teilen sich den Mist. Und über diese Auswahl soll ohne Gnade und Pardon das sogenannte Staatsexamen entscheiden. Das erklärt alles.“ „Wieso?“, sagte Faust, „das verstehe ich nicht. Drücke dich deutlicher aus, du Geist der Unterwelt.“

„Machen wir ein Gedankenexperiment“, schlug Mephisto vor. „Angenommen, man hätte festgestellt, daß für irgendeine umkämpfte Profession eine gewisse Belastbarkeit unerläßlich wäre, wie es ja tatsächlich häufig der Fall ist. Und nehmen wir weiter an, man wäre auf den Gedanken verfallen, dies durch einen kleinen Härtetest zu prüfen, vielleicht nur ein paar Stunden Dunkelhaft, um die psychisch Labilen auszuscheiden. Was wäre die Folge? Nach kurzer Zeit würden allerorten Vorbereitungskurse angeboten, um jedermann, der es wünscht, für diesen harmlosen Test zu präparieren. Natürlich würden dann alle bestehen. Wohl oder übel müßte man daher die Bedingungen ein wenig verschärfen, jetzt vielleicht durch den Einsatz einer kleinen Daumenschraube. Nach kurzer Zeit würden sich dem die Vorbereitungskurse anpassen und jedermann, der es wünscht, im Ertragen leichter Schmerzen unterrichten. Und wieder würden bald alle den Test bestehen, und wieder müßten die Bedingungen ein wenig angezogen werden und so weiter. Am Ende wäre wahrscheinlich nur noch von dieser Prüfung die Rede, da so viel davon abhängt. Womöglich würde ein regelrechtes Schlachtfest daraus werden, aber immer noch würden Leute bestehen, die sich später als wahre Mimosen erweisen würden. Ja, vielleicht wären gerade diejenigen, die den Härtetest überstanden haben, am wenigsten belastbar, da sie ihre ganze Energie just damit bereits verbraucht haben. Versteht Ihr, was ich sagen will?“

„Ich verstehe“, sagte Faust und schämte sich ein wenig, daß er so naiv gefragt hatte. „Aber was soll man tun, um diese Qualspirale noch einmal zurückzudrehen?“

„Vielleicht“, sinnierte Mephisto, „dürfte man die Eigenschaften, die man bei den Menschen haben will, gar nicht auf Herz und Nieren prüfen, weil sie das nicht überstehen. Vielleicht müßte man einfach darauf vertrauen, daß sie da sind.“ „Unsinn“, sagte Faust, „warum sollte man ausgerechnet das nicht vorher prüfen dürfen, auf das es hinterher ankommt. Wo bleibt da die Logik?“ „Nun, lieber Herr“, sagte Mephisto, „wie macht Ihr´s denn auf Freiersfüßen mit der Jungfernschaft?“ „Kanaille, die du bist“, brauste Faust auf. „Doch reden wir von etwas anderem. Wie war das doch mit der Medizin, sag an!“