Das Ende der wissenschaftlichen Besserwisserei in Schilda

Das Ende der wissenschaftlichen Besserwisserei in Schilda

Aus: Juristen-Zeitung (JZ) 1996, 717 - 719

Große Sorge herrschte in Schilda. Aus unerfindlichen Gründen dauerte die Ausbildung der jungen Leute immer länger, so daß sie schließlich ganz schön alt aussahen, bis sie endlich in ihre schildischen Berufe kamen. Dabei hatte der Rat der Stadt doch nur beschlossen, die höheren Schulen immer niedriger zu machen und jeden hineinzulassen, der es später einmal weiter bringen wollte als die andern. Aber die jungen Leute waren nicht zu bremsen. Wer auch immer die Schule mit dem Zeugnis der Reife verließ, drängte sogleich in die Universitäten, um noch reifer zu werden. Es dauerte nicht lange, bis selbst die Sachbearbeiter bei der schildischen Stadtsparkasse einen Hochschulabschluß vorweisen konnten, obwohl sie ihn eigentlich gar nicht brauchten. Aber anders wären sie kaum noch genommen worden, denn ohne dieses Papier lief in Schilda bald gar nichts mehr. Nicht einmal an den Universitäten ging es zu wie ehedem. Obwohl immer mehr Professoren eingestellt wurden, von denen jeder ein anderes Wissensgebiet zur Vollkommenheit führte, dauerten die gelehrten Studien immer länger, so daß das Berufseinstiegsalter dem Eintritt in den Ruhestand immer näherrückte.

Besonders das Studium der Besserwisserei war von dieser unheilvollen Entwicklung betroffen. Während die älteren Professoren sich noch rühmen durften, ihr Examen nach dem damals üblichen Triennium - auf neuschildisch: nach 6 Semestern - gebaut zu haben, lag die Studienzeit ihrer Studenten mittlerweile fast beim Dreifachen, und noch immer war kein Ende abzusehen. Im Gegenteil, da die meisten bald einsehen mußten, daß mit der schildischen Besserwisserei allein kein Staat mehr zu machen war, bemühten sie sich um allerlei zusätzliche Qualifikationen. Viele lernten fremde Sprachen und begaben sich für ein Jahr an die hohen Schulen des Auslandes, besonders nach Abdera, von wo sie gereift, wenn auch abermals älter zurückkehrten.

Schon drohte der Rat der Stadt, einen Kommissarius einzusetzen, der an den Universitäten einmal nach dem Rechten sehen sollte, da besann sich der schildische Besserwissertag darauf, daß es wohl günstiger wäre, den Maßnahmen der Unwissenden durch eigene Vorschläge zuvorzukommen. Nach langen Beratungen schlug er dem Rat der Stadt vor, einfach die Examensangst abzuschaffen; dann würden die Studentinnen und Studenten ganz von selbst zum erstmöglichen Termin in die Prüfung eilen, und alles wäre wie früher. So geschah es dann auch. Mit großem Pomp wurde überall in Schilda verkündet, daß jedermann, der sich bis spätestens nach dem achten Semester in der Besserwisserei zum Examen anmeldete, im Falle des Scheiterns einen zusätzlichen Versuch erhalten würde.

Insgeheim hatten die Urheber dieses Gedankens gar nicht zu hoffen gewagt, daß sich auch nur ein Student nach ihren Vorschlägen richten würde. Groß war daher ihr Erstaunen, als sie sehen mußten, daß sie eine Lawine losgetreten hatten. Alle, ausnahmslos alle wollten jetzt auf einmal nach acht Semestern fertig sein, und nicht bloß das: die meisten schafften es auch, und das gar nicht einmal schlecht. Der Rat der Stadt war des Lobes voll und ließ verlauten, daß es dank der gemeinsamen Anstrengungen aller endlich gelungen sei, wertvolle Lebenszeit junger Menschen für das Leben selbst zurückzugewinnen.

Es dauerte freilich nicht lange, da stellte sich heraus, daß sich nebst der Studienzeit auch das Studierverhalten geändert hatte. Die Studenten hatten jetzt keine Zeit mehr, sich mit den Mikrologien von Professoren zu befassen, die sich auf eine lebenslange Verweildauer an den Universitäten eingerichtet hatten. Das Wesentliche war gefragt, das geistige Band, das diesen ganzen Wust zusammenhielt. Aber darauf waren die Professoren nicht vorbereitet. Sie waren es längst gewohnt, die Studenten auf die Kenntnis mikrobenhafter Details abzurichten und reagierten beleidigt, wenn einer das nicht für Wissenschaft hielt. Also fingen sie an, sich nach der alten Examensangst zurückzusehnen, und begannen zugleich, einer nach dem andern, gegen ihr eigenes Modell Stimmung zu machen.

Erst waren es nur wenige, die den Verfall der Wissenschaft damit in Verbindung brachten. Gefährlich sei die Achtsemesterregel, ließen sie verlauten, weil sie zur Oberflächlichkeit verführe. Nach kurzer Zeit schon schlossen andere sich an, und ehe ein Jahr um war, wurde an den schildischen Universitäten überall davor gewarnt, das Studium der Besserwisserei zu früh abzuschließen. Tatsächlich schienen die Fakten die Warnungen zu bestätigen, im großen und ganzen wurden die Examensergebnisse jedenfalls immer schlechter. Hatte der Durchschnitt früher einmal bei 7 Punkten gelegen, was einer knapp durchschnittlichen Leistung entsprach, so sank er jetzt auf unter 6 Punkte, also auf ein bloßes "ausreichend" herab. Unter den schildischen Professoren wurde es geradezu schick, mit möglichst schlechten Ergebnissen zu renommieren. Niemand getraute sich mehr zu sagen, daß die Studenten bei ihm einen Schnitt von 5,6 Punkten erzielt hatten, weil er befürchten mußte, daß er von dem nächstbesten Kollegen mit 5,2 oder gar 4,8 Punkten unterboten und mit mitleidigen bis verächtlichen Blicken bestraft worden wäre.

An einer der feinsten Universitäten fand man sogar, daß es selbst den Doktoranden noch zu einfach gemacht werde. Erhielten sie doch den Doktorhut aufs Haupt gesetzt, obwohl sie mangels Kenntnis der lateinischen Sprache nicht einmal wußten, was "Doktor" überhaupt heißt. Das, so befand man, sei mit der Würde dieses Titels nicht vereinbar. Also beschloß man, daß jeder Doktorand vor dem Rigorosum noch einen lateinischen Sprachkurs absolvieren müsse. Das habe noch niemand geschadet, und auf ein Vierteljahr mehr oder weniger komme es schließlich auch nicht an.

In diesem Stil wäre es vermutlich noch lange weitergegangen, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, das den Rat der Stadt abermals zum Einschreiten veranlaßte. Als nämlich einer der fügsamsten jungen Besserwisser, der sich getreulich an alles gehalten hatte, was ihm die gelehrten Dozenten der Besserwisserei geraten hatten, nach Abschluß seiner vieljährigen Studien sowie Anfertigung einer 1000seitigen Doktorschrift und Absolvierung des lateinischen Sprachkurses endlich zum Doktor kreiert worden war - mittlerweile war er verheiratet, hatte zwei Kinder und fand aus Altersgründen bei der Stadtsparkasse keine Anstellung mehr -, da begann er endlich das zu tun, wozu er in den letzten Jahren vor lauter anderen Dingen leider gar nicht gekommen war: nämlich nachzudenken. Schließlich faßte er sich ein Herz und schrieb einen Brief an den Rat der Stadt, wie bislang in Schilda noch keiner geschrieben worden war. "Vieles habe ich gelernt", hieß es darin, "wenn auch nicht alles verstanden. Eines jedoch ist mir vor allem unerklärlich geblieben: Wenn nämlich das fremde Eigentum in Schilda so hoch geschätzt wird, daß selbst der Diebstahl von belanglosen Kleinigkeiten mit strengen Strafen bedroht ist, wie ist es da möglich, daß die Professoren der Besserwisserei ungestraft meine Lebenszeit stehlen dürfen und am Ende wohl noch einen schildischen Verdienstorden dafür bekommen? Und wenn doch in der schildischen Besserwisserei heute überall gewichtet, gewertet und abgewogen wird, warum ist mein eigenes Leben dabei von so geringem Gewicht?"

Dieser Brief schlug im Schildaer Rathaus ein wie eine Bombe. Endlich hatte man es schwarz auf weiß, wer an der Misere schuld war: nicht etwa die Politik des Rates der Stadt, sondern ausschließlich und allein die Professoren der Besserwisserei selbst. Eine Untersuchungskommission wurde eingesetzt, die herausfinden sollte, warum eigentlich früher alles anders gewesen war. Danach wollte man die erforderlichen Maßnahmen treffen. Die Kommission förderte Erstaunliches zutage. Die Altvorderen, auf die sich die Besserwisser in Festreden so gern beriefen, hatten nämlich ganz anders gewichtet. Vor Zeiten schon war Christian Thomastix, einer der großen Neuerer des schildischen Studiums, mit harten Worten dagegen zu Felde gezogen, daß die Studenten der Besserwisserei "auf Universitäten nach der gemeinen Lehrart ... viel Dinge öfters mit großer Mühe und Fleiß lernen, die ihnen hernach im gemeinen Leben wenig oder nichts nutze sind". Den Vogel aber schoß ein gewisser Johann Wolfgang von Knödel ab, ein Heros der Stadt, der seinerzeit selbst die Besserwisserei studiert hatte. Dieser hatte doch tatsächlich geäußert, er könne "nicht billigen, daß man von den studierenden künftigen Staatsdienern gar zu viel theoretisch gelehrte Kenntnisse verlangt, wodurch die jungen Leute vor der Zeit geistig wie körperlich ruiniert" würden. Träten sie schließlich in den Beruf ein, so hätten sie eben das eingebüßt, wessen sie am meisten bedurften, nämlich "die nötige geistige wie körperliche Energie, die bei einem tüchtigen Auftreten im praktischen Verkehr ganz unerläßlich" sei. Und schließlich: wie solle "einer gegen andere Wohlwollen empfinden und ausüben, wenn es ihm selber nicht wohl" sei?

All dies und anderes mehr war nun Wasser auf die Mühlen des städtischen Rats. Die Stadtväter kamen nämlich überein, daß es unter Abwägung aller Umstände das beste sei, das Studium der Besserwisserei künftig außerhalb der Universitäten anzusiedeln. Das sagten sie freilich nicht laut, denn auch in Schilda war wohlbekannt, daß mit den Besserwissern nicht gut Kirschen zu essen sei. Statt dessen beschloß man ein großes Programm zur Entlastung und Aufwertung der Universitäten. Darin war vorgesehen, daß künftig auch die Fortbildungsanstalten für Nichtswisser zur Ausbildung von Besserwissern berechtigt sein sollten, ohne wissenschaftlichen Anspruch zwar, aber dafür in sechs Semestern, so wie früher, als die älteren Professoren noch jung waren. Mit der Zeit, so hoffte man, würden sich die hohen Fakultäten der Besserwisserei entweder anpassen oder von selbst austrocknen, weil ihnen die Studenten wegblieben.

Und genauso kam es dann auch. Die wissenschaftliche Besserwisserei, um die Schilda einmal von der ganzen Welt beneidet worden war, schlief langsam ein. Die gelehrten Professoren redeten und schrieben zwar noch eine Weile vor sich hin. Aber da immer weniger ihre lichtvollen Ausführungen zur Kenntnis nahmen, gaben sie schließlich auf und zogen sich auf ihr Altenteil zurück. Einer der letzten von ihnen brachte, bevor er starb, diese Geschichte zu Papier, zu Nutz und Frommen aller künftigen Generationen in Schilda.