Ein Stoßseufzer zur Juristenausbildung
In: JURA (Juristische Ausbildung) 43 (2021), S. 735 – 739

Das Recht erstreckt sich über alle sozialen Verhältnisse. Sein Studium umfaßt daher mehr an Stoff, als man innerhalb weniger Jahre bewältigen kann. Dementsprechend sind auch die Prüfungen in Gefahr, selbst die Besten zu überfordern. Hier das rechte Maß zu finden, kann nur einem erfahrenen und selbstkritischen Prüfer gelingen. Prüfungsordnungen sind zwar unverzichtbar, bilden aber nur die "zweitbeste Lösung", weil sie einen solchen Prüfer nicht entbehrlich machen, wohl aber zusätzliche Probleme mit sich bringen.

I. Das Bleibende im Vergänglichen
Die Zeit nach einer Juristenausbildungsreform ist immer auch die Zeit vor einer solchen – vor der nächst folgenden nämlich. Denn nirgends wächst der Wunsch nach neuen Regulativen schneller aus dem Boden als hier. Deshalb ist die Juristenausbildung eine Baustelle, solange man zurückdenken kann.[1]

Wer gelegentlich tatsächlich zurückdenkt, entdeckt in dem scheinbar immer von neuem beginnenden Reformpallaver mehr Konstanten, als man vermutet hätte. Damit ist keineswegs nur das Dauergenörgel gegen alles Überkommene und Gewohnte gemeint. Konstanten finden sich auch im Inhalt dessen, was da getadelt und was zwecks Abhilfe gefordert wird. Keine Reformwelle kommt ohne das Versprechen einer grundstürzenden Verringerung des Lehr- und Prüfungsstoffs aus, keine ohne die Forderung nach einer Konzentration auf das Allgemeine und Grundsätzliche, nach Entschlackung, Verschlankung und Entrümpelung, nach verstärktem Praxisbezug und Vermittlung von allerlei Zusatzkompetenzen. Und jede, aber auch wirklich jede Reform schöpft ihre Rechtfertigung daraus, daß alle bisherigen Bemühungen ihr Ziel verfehlt hätten und es daher darauf ankomme, endlich Nägel mit Köpfen zu machen. 

Daß eine permanente Kritik dieses Umfangs ganz aus der Luft gegriffen sein sollte, ist kaum anzunehmen. Wohl aber zeigt sich darin, daß Verbesserungen auf diesem Feld schwerer zu erlangen sind, als es den Anschein hat. Die allzeit optimistisch gestimmte Riege der Studienreformer wird sich dadurch nicht entmutigen lassen. Schließlich hat jede Generation das unveräußerliche Recht, die Fehler der vorigen auf ihre Weise zu wiederholen. Dennoch kann es vielleicht nicht schaden, ein wenig Wasser in den Wein zu gießen, um die gelegentlich allzu sorglos in Angriff genommenen reformerischen Höhenflüge wenigstens für das universitäre Studium in Erdennähe zu halten.

II. Die unendliche Geschichte von der Reduzierung des Studienstoffs
Justinian, in rechtlichen Dingen keine schlechte Adresse, hat in seinen Institutionen, dem Anfängerlehrbuch der spätrömischen Juristen, die Jurisprudenz als "divinarum atque humanarum rerum notitia, iusti atque iniusti scientia", mithin als die Kenntnis aller göttlichen und menschlichen Dinge sowie das Wissen vom Recht und vom Unrecht bezeichnet.[2] Die Anforderungen werden hier gleich zu Beginn des Corpus Iuris so unglaublich hochgeschraubt, daß nur ein juristischer Herkules ihnen gewachsen erscheint. Normalsterbliche fühlen sich angesichts dessen wie erschlagen und möchten gern bequemer an das Ziel kommen, "mit Jura Geld zu verdienen". Aber, so könnte ein Außenstehender fragen, ist es denn nicht recht und billig, daß von denen, die sich darauf vorbereiten, ihren Mitmenschen professionell den Kopf zu waschen, mehr verlangt wird, als sie im Handumdrehen zu leisten vermögen? Nur wer primär an die Prüfungsnot der Adepten statt an die Lage derjenigen denkt, die ihnen demnächst ausgeliefert sein werden, wird hier die Akzente anders setzen.

1. Reduzierung auf die Hälfte – aber auf welche?
Aus der Sicht eines gestressten Examenskandidaten aber scheint nichts dringlicher zu sein als eine Reduzierung des Prüfungsstoffs. Deshalb ertönt dieser Ruf auch seit Generationen immer von neuem. Wer mit der Forderung wirbt, "den examensrelevanten Stoff pro Fachsäule um die Hälfte zu reduzieren", hat die Herzen der Rechtsbeflissenen und aller, die mit ihnen empfinden, unweigerlich auf seiner Seite.

Bloß, welche Hälfte soll dabei eigentlich entfallen, die erste oder die zweite? Wer sich dazu nicht äußert, hat leicht reden. Wenn es eine fixe Zahl von Rechtsproblemen gäbe, die man kennen und "beherrschen" muß, um nicht im Examen zu scheitern, wäre es wohl denkbar, sie mit Hilfe eines Zufallsgenerators auf die Hälfte zusammenzustreichen. Aber so verhält es sich bekanntlich nicht. Der Rechtsstoff ist mittlerweile unglaublich ausdifferenziert und erstreckt sich sowohl in die Breite wie auch in die Tiefe. Was durch die Streichung ausgewählter Rechtsmaterien entfiele, könnte dadurch, daß man in den verbleibenden Gebieten vermehrt ins Detail geht, daher leicht konterkariert werden. Würde man etwa das Strafrecht aus der Liste der Prüfungsfächer herausnehmen – womit die Vordenker eines "Wirtschaftsjuristen" kein Problem hätten –, so wäre damit zu rechnen, daß andere Fächer die entstandene "Stofflücke" umgehend mit allerlei Quisquilien aus ihrem Bereich auffüllen würden. Für den Prüfling wäre dann nichts gewonnen. Zwar wäre der juristische Horizont enger, der Jurist also irgendwie engstirniger geworden, aber der Prüfungsstoff genauso umfangreich wie zuvor. Dem entgegenzuwirken, wäre schwer; denn niemand wird ernsthaft dafür plädieren, alle Prüfungsfächer nach Breite und Tiefe gegenständlich festzuschreiben. Das liefe nämlich darauf hinaus, die Prüfung auf das Abfragen eines rundum eingegrenzten Stoffes zu reduzieren.

2. Beschränkung auf das Wesentliche?
Natürlich war der Vorschlag der Stoffhalbierung nicht wörtlich gemeint. Entfallen sollte allein das Entbehrliche; das Bedeutsame und für das Verständnis des Ganzen Erforderliche sollte bleiben. In früheren Reformdiskussionen hat man dafür die Formel vom "exemplarischen Lernen" geprägt. Gelehrt und geprüft werden sollte danach anhand entsprechend ausgewählter Teile allein das "Wesentliche". Dies vorausgesetzt, so glaubte man, verstehe sich das Unwesentliche großenteils von selbst.

Hochschullehrer, die bestimmte Fächer für unwesentlich und nicht systemrelevant halten, finden sich wie Sand am Meer. Freilich denken ausnahmslos alle von diesen allein an Fächer ihrer Kollegen, niemals an ihre eigenen. Wie die Erfahrung lehrt, sitzen manche geradezu in den Startlöchern und warten darauf, die Kürzung anderer Fächer für eine Ausdehnung der eigenen nutzen zu können. Ja, sie schlagen solche Kürzungen mit diesem Hintergedanken sogar selbst vor. So kommt es dann, daß eine bisher zweistündige Veranstaltung plötzlich dreistündig abgehalten wird oder daß aus einer bereits über Gebühr aufgeblasenen Vorlesung noch ein ergänzendes Kollegium abgezweigt wird. Wer das nicht selbst erlebt hat, würde es nicht glauben. Aber genau so funktioniert die "Verminderung" des Lehrstoffs im universitären Alltag. Je mehr Lehrstühle für immer speziellere Fächer es gibt, desto mehr wächst die Menge des Detailwissens, das die einschlägigen Fachvertreter für unverzichtbar halten. Schließlich möchte niemand vor leeren Bänken stehen.

3. Reduzierung auf das theoretisch oder das praktisch Relevante?
Mit dem vorigen verwandt ist folgendes: Wer in Juristen "Spezialisten für das Allgemeine" sieht, erwartet die Lösung des Stoffproblems häufig von einer Konzentration auf das "Allgemeine" und die sog. "Grundzüge" der einzelnen Fächer. Auch hier möchte man ausrufen: wunderbar! Nichts wie fort mit all dem Kleinkram, nach dem morgen ohnehin niemand mehr fragt! Was in Unkenntnis der späteren Berufswahl von Interesse ist, sind eh nur die allgemeinen Strukturen, die sich so schnell nicht ändern. Allerdings ist auch diese Idee nicht ganz neu. In der Vergangenheit war das juristische Studium lange Zeit auf die Vermittlung "allgemeiner" Kenntnisse des Rechtssystems ausgerichtet, wobei man von der Erwartung geleitet war, daß man sich mit einer solchen Vorbildung unschwer in alle "Besonderheiten" einarbeiten könne. Die von der Universität abgehenden Absolventen waren dementsprechend theoretisch wohlpräpariert, dabei jedoch – wie vielfach geklagt wurde – praktisch gänzlich unbedarft. Allein in den (zivil-)prozessualen Vorlesungen waren sie – wenn überhaupt – mit praktischen Beispielen konfrontiert worden. Auf die Referendarausbildung waren sie daher so wenig vorbereitet, daß man in Preußen dem Gerichtsreferendariat bis 1869 eine eigene Einarbeitungsphase als gerichtlicher "Auskultator" vorgeschaltet hatte.

Erst mit dem Aufkommen "praktischer Übungen" verschwand die Theorielastigkeit des universitären Rechtsstudiums allmählich. Man richtete das Augenmerk zunehmend auf die Gesetze und in der Folge auch auf Gerichtsentscheidungen, weil sich "praktische Fälle", wie sie für Lehre und Prüfung in immer größerer Zahl benötigt wurden, auf andere Weise schwer bilden ließen. Ein Nebeneffekt dieser Lehrmethode war es, daß die von glücklosen Praktikern gern als praxisfern gescholtene deutsche Juristenausbildung die Studenten in Wahrheit nahe an die Überlegungen professioneller Rechtsanwender heranführte. Wollte man hier aus Gründen der Stoffreduzierung wiederum auf das "Allgemeine" rekurrieren, müßte man das Rad der Entwicklung insoweit zurückdrehen. Nur: wer will das eigentlich? Die häufig geforderte Zulassung von Kommentaren bei der Prüfung aber dürfte nicht das bringen, was man sich davon erhofft. Denn einmal würde die Judikatur damit erst recht aufgewertet, zum andern wären die Klausuren im Zweifel dann so beschaffen, daß ein Blick in den Kommentar der Lösung nicht näherbrächte, sondern nur zusätzlich Zeit kosten würde.

4. Abschichtung des Prüfungsstoffs
Ein immer wiederkehrender Vorschlag zur Bewältigung des überbordenden Examenswissens ist die sukzessive Abschichtung des Prüfungsstoffs: Dieser soll in größeren Abständen Stück für Stück nacheinander geprüft werden, wobei der bereits "abgehakte" Teil später nicht nochmals auftauchen darf und insofern keine Belastung mehr darstellen kann. Der oft wiederholte Einwand gegen dieses Patentrezept lautet, daß der am meisten gerühmte Vorzug des deutschen Rechts, nämlich die systematische Vernetzung aller seine Teile, dabei auf der Strecke bliebe. Diese Vernetzung könnte bei einer so beschaffenen Prüfung nämlich kaum thematisiert werden. Entweder wäre es für den einen von zwei aufeinander aufbauenden Teilen zu früh oder für den anderen zu spät. Die an den juristischen Fakultäten gottlob vorübergegangene Bolognareform mit ihrem am Arbeitsaufwand für begrenzte "Module" orientierten Leistungspunktesystem hat dem noch ein weiteres Argument hinzugefügt. Wie man aus anderen Fakultäten seitdem hören kann, werfen sich die Studenten hier nämlich mit ganzer Kraft auf das, was demnächst zur Prüfung ansteht. Was erst später prüfungsrelevant wird, wird vernachlässigt, was sich für eine Prüfung weniger eignet, fällt ganz unter den Tisch. All dies wirkt auf die Organisation des Lehrbetriebs zurück und erschwert die Konzeption von Lehrveranstaltungen, die mehr auf Verständnis als auf Kenntnis abzielen, ungemein.

Ein Blick auf die juristischen "Schwerpunktbereiche", mit denen ebenfalls eine partielle Abschichtung einhergeht, bestätigt dieses Bild. Viele Studenten investieren in den gewählten und vorab geprüften Schwerpunktbereich auf Kosten ihres sonstigen Studiums mehr Zeit und Energie, als es eigentlich gedacht war. Das Versäumte kann anschließend nur beim Repetitor nachgearbeitet werden; denn der dafür an sich vorgesehene Zug ist in der Zwischenzeit bereits abgefahren.

III. Aussichtsloser Kampf gegen den Rep durch das "UniRep"
Das lenkt den Blick zu einem anderen nie eingelösten Reformversprechen: Keine Ausbildungsdiskussion kommt aus ohne die Forderung, den Repetitor entbehrlich zu machen. Daß dieser angeblich von 90 % aller Kandidaten frequentiert wird, um sich auf das Examen vorzubereiten, gilt als Armutszeugnis, als schlagender Beweis dafür, daß die Vorlesungen nichts taugten und die Professoren kläglich versagten, und das seit langem. Immerhin bediente sich bereits Goethe in jungen Jahren der Hilfe eines "Paukers",[3] und auch Bismarck wurde von einem solchen "zugeritten".[4]

Daß der Repetitor bei manchem, dem die Rechtswissenschaft sonst ein Rätsel bliebe, gut ankommt, ist geschenkt. Daß er im Hinblick auf die Kunst, die Faulen und Unbedarften zum Verstehen zu zwingen, den meisten Fachgelehrten einiges voraus hat, kann man ebenfalls einräumen. All dies ändert jedoch nichts daran, daß Prüfungsvorbereitung und Prüfung zweierlei sind, und zwar schon deshalb, weil die Prüfungsvorbereitung möglichst alle Kandidaten in die Nähe der Höchstnoten bringen soll, während die Prüfung selbst, wenn sie ihrem Zweck gerecht wird, die Spreu vom Weizen trennen muß. Der Repetitor verspricht maximalen Prüfungserfolg für jeden; dem Prüfer dagegen fällt die unangenehme Aufgabe zu, die Ungeeigneten herausprüfen. Das kann nur funktionieren, wenn beides in verschiedenen Händen liegt.

Wer den Repetitor an die Universität holt, womöglich auch noch in der Form, daß die Hochschullehrer auf ihre eigenen Prüfungen vorbereiten sollen, kann unmöglich dasselbe bieten wie ein privates Repetitorium. Schließlich kann ein Hochschullehrer nicht gut im voraus verraten, was er demnächst prüfen wird. Der private Repetitor dagegen kann auf die tentative Eingrenzung der zu erwartenden Klausurthemen sowie auf die Weitergabe der Prüfungsprotokolle und allerlei anderer "Prüfungsgeheimnisse" durchaus nicht verzichten. Er würde seine Aufgabe verfehlen, wenn er nicht alles versuchen würde, um seine zahlenden Kunden im Idealfall punktgenau vorzubereiten. Das erklärt auf einfache Weise, warum die meisten Besucher eines "UniReps" noch einen privaten Repetitor zusätzlich in Anspruch nehmen. Ein Zyniker könnte versucht sein zu sagen, daß die Professoren nicht nur keine brauchbaren Vorlesungen halten, sondern auch als Repetitoren scheitern. Freilich würde er damit offenbaren, daß er über das Verhältnis von Lehre, Prüfungsvorbereitung und Prüfung ziemlich weltfremde Vorstellungen hat.

IV. Aktualisierung – aber auf Kosten von was?
Entsprechend der klassischen Sentenz: non scholae, sed vitae discimus soll der Lehr- und Prüfungsstoff nicht nur ausgedünnt, sondern zugleich praxis- und lebensnäher werden. Wozu sollte überholter Bildungsballast auch nütze sein? Priorität muß dasjenige haben, was ein Jurist heute wirklich braucht! So ist es zweifellos wünschenswert, daß angehende Juristen auch über die Kenntnis ausländischer Rechte und der dazugehörigen Fachsprachen verfügen, daß sie nicht nur mit den Subsumtionstechniken richterlicher Rechtsanwender, sondern frühzeitig auch mit den gestalterischen Aufgaben des Anwalts, des Verwaltungsbeamten und des Gesetzgebers vertraut gemacht werden. Ein Gebot der Stunde wären auch Fertigkeiten der Verhandlungsführung und Streitschlichtung, außerdem die Vertrautheit mit den Möglichkeiten der Legal Tech. Und horribile dictu: selbst Lateinkenntnisse wären nicht schlecht, weil sie gerade in internationalem Rahmen den Schlüssel für vieles bilden. Je länger man darüber nachdenkt, was sonst noch alles wichtig wäre, desto mehr nähert man sich dem, was bereits Justinian als "divinarum atque humanarum notitia" bezeichnet hat. Denn das Wesen des Rechts ist nach einem Wort Savignys nun einmal nichts anderes als "das Leben der Menschen selbst, von einer besonderen Seite angesehen".[5] Das aber ist, wie man nicht auszuführen braucht, für ein Studium, das nicht nur für ein paar Überflieger, sondern mehr noch für die an die Universitäten drängenden Scharen von durchschnittlich Begabten bestimmt ist, allemal mehr, als diese in annehmbarer Zeit bewältigen können.

Will man nicht mit dem Ziel der Stoffverkürzung in Konflikt geraten, so läßt sich eine Modernisierung und Aktualisierung des Prüfungsstoffs nolens volens nur bei gleichzeitigem Abbau von Traditionsbeständen in Angriff nehmen. Das betrifft vor allem die überkommenen Grundlagenfächer, die denn auch bereits erheblich haben Federn lassen müssen, aber auch das Zivilprozeßrecht, das ungeachtet seiner Praxisrelevanz immer von neuem um sein Überleben als Prüfungsfach kämpfen muß. Auf der Streichliste stünden desweiteren das Familien- und möglicherweise auch das Erbrecht, die mehr als andere Rechtsgebiete die statischen Denk- und Verhaltensmuster vergangener Epochen reflektieren. Denkt man in dieser Richtung weiter, so käme man – parallel zu den "Anywheres" der modernen Gesellschaft – zu einem Juristen völlig anderen Zuschnitts: zu einem Rechtstechniker ohne Kenntnis der rechtskulturellen Grundlagen, die ihm Halt und Richtung geben, zu einem eloquenten Vermittler und Mediator abseits des ausgefeilten Diskurses einer förmlichen Streitbereinigung, zu einem Sachwalter gut betuchter Kreise, der sich für die Rechtsprobleme, welche den unteren Bevölkerungsschichten am stärksten auf den Nägeln brennen, aus gebührenrechtlichen Gründen am wenigsten interessiert.

V. Ohne verständige Prüfer läuft gar nichts
Die Reformdebatte lebt noch von vielen anderen Dauerbrennern: so von der Forderung nach einer Verzahnung von universitärer und praktischer Ausbildung, wie sie in den 70er und 80er Jahren mit viel Aufwand erprobt wurde; nach der Ersetzung der "Vorlesungen" durch andere Formen der Wissensvermittlung, weil sich das Vorlesen und Diktieren nach der Erfindung der Buchdruckerkunst eigentlich erledigt hat; nach dem Learning by doing, das auch die Einübung praxisbezogener Routinen miteinbeziehen würde; nach der berufsspezifischen Aufsplittung des Rechtsstudiums auf Universitäten und Fachhochschulen usw. – alles Dinge, denen man auf Anhieb gern zustimmen möchte, deren Schattenseiten sich aber erst im Zuge ihrer Realisierung herausstellen dürften, wenn wieder einmal viel Zeit und Mühe umsonst vertan ist.

Das ist es denn auch, was die Kritiker gesetzlich normierter "Verbesserungspläne" so mißtrauisch macht. Sie fürchten die Festschreibung nicht zu Ende gedachter Vorschläge, an die man auch bei nachträglich besserer Erkenntnis gebunden bliebe, wenn sie erst einmal die Form von Ausbildungs- und Prüfungsordnungen angenommen haben. Mit Formalrecht kann man nur schwer Experimente machen. Ein Lehrer und Prüfer, der in seinem Umfeld nach eigener Einsicht und Erfahrung handeln dürfte, wäre hier in einer günstigeren Lage. Es ist daher kein Zufall, daß einige der bedeutsamsten Änderungen der Juristenausbildung sich dem Vorstoß engagierter Hochschullehrer und dem studentischen Beifall verdanken, den sie damit fanden. So hat der Aufklärer Christian Thomasius gegen mancherlei Widerstände des damaligen "Establishments" Vorlesungen nicht auf Latein, sondern in deutscher Sprache gehalten; Rudolf von Jhering hat als einer der ersten Praktika zur Fallbearbeitung angeboten; innovationsfreudige Privatdozenten, welche von den alten "Platzhirschen" nicht an die hörgeldträchtigen Großvorlesungen herangelassen wurden, verlegten sich auf ehemals unbeliebte Materien wie Rechtsvergleichung und Internationales Privatrecht und brachten damit neuen Wind in den Lehrbetrieb; in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts schließlich faßten einige Zivilrechtler den Inhalt der ersten drei Bücher des BGB zu einem "Grundkurs" zusammen und stellten sich damit der Verzettelung der privatrechtlichen Kernmaterien entgegen.

Heute kommt so etwas kaum noch vor. Läßt man anderes beiseite, so sind es namentlich zwei Hindernisse, die solchen Initiativen im Wege stehen: einmal die Ministerialbürokratie, welche die Fakultäten als Ganze an einer immer kürzeren Leine führt, sodann aber die Fakultäten selbst, die jede selbständige Regung Einzelner dem Diktat der Mehrheit zu unterwerfen trachten. Im Hinblick auf das Letztere brächte es wenig, das Staatsexamen durch eine Universitätsprüfung zu ersetzen, wie immer wieder vorgeschlagen wird. Abgesehen davon, daß der deutsche "Volljurist" sein Ansehen nicht zuletzt gerade dem Staatsexamen verdankt, wäre der einzelne Hochschullehrer dann vollends der Fakultätsmehrheit ausgeliefert, womit er vom Regen in die Traufe käme. Nur zwischen Scylla und Charybdis kann ein individualistischer Reformgeist derzeit hoffen, einen Weg zu finden, auf dem er sich an der juristischen Quadratur des Kreises versuchen kann.

Wer damit nicht zufrieden ist, dürfte sich wehmütig an die Zeit erinnern, in der man noch wußte, daß ein Mehr an Verrechtlichung nicht automatisch ein Mehr an Rechtsstaatlichkeit bedeutet. Damals hielt der preußische Justizminister v. Friedberg der Forderung nach einer angeblich verbesserten Studienordnung schlicht folgendes entgegen: "Die Menschheit als solche ändert sich nicht... Die Studenten werden nicht besser, nicht schlechter, Sie mögen Regulative machen, wie Sie wollen."[6] Die Unzufriedenheit mit der Prüfung, so könnte man ergänzen, wird sich auch nicht ändern, ganz gleich, was man in die "Regulative" hineinschreibt. Wohl aber kann man sich auf diesem Weg endlos neue Probleme schaffen, die alsbald weitere Reformrunden einläuten.

Letztlich steht und fällt daher jede juristische Prüfung mit der Einsicht und Erfahrung der Prüfer und dem Maß an Freiheit und Bindung, das diesen vorgegeben ist. Die Lebenserinnerungen des Anwalts und Handelsrechtlers Max Hachenburg sind auch unter diesem Aspekt noch immer eine Erkenntnisquelle.[7] Wie Hachenburg selbst kolportiert, wurde über ihn folgendes berichtet: "Er stellt schwere Fragen und bildet sich ein, sie seien leicht. Er ist aber freundlich im Verkehr und läßt nicht leicht jemand durchfallen." Daß über eine Studien- und Prüfungsordnung in den letzten fünfzig Jahren jemals ein ähnlich positives Urteil gefällt worden wäre, ist nicht ersichtlich. Freilich war Hachenburg seinerzeit noch nicht mit dem heutigen Massenbetrieb konfrontiert, an dem auch ein Jurist seines Formats leicht hätte scheitern können.

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[1] Überblick bei Kilian Juristenausbildung, 2015, 21 – 57.
[2] Inst. I, 1.
[3] Goethe Dichtung und Wahrheit, Bd. 2, 1812, 354 ff, Bd. 3, 1814, 65.
[4] Ludwig Bismarck, 1975, 30.
[5] Savigny Vom Beruf unserer Zeit für Gesetzgebung und Rechtswissenschaft, 1814, 30.
[6] L. Goldschmidt Rechtsstudium und Prüfungsordnung, 1887, 354.
[7] Hachenburg Lebenserinnerungen eines Rechtsanwalts und Briefe aus der Emigration, 1978, 175 ff (allerdings im Hinblick auf das Zweite Staatsexamen).