Das gute Gewissen des Scharfrichters

Betrachtungen zur Vollzugsethik des Befehlsempfängers
In: Juristen-Zeitung 1990, S. 725 – 730

I. Ethik als Vehikel zur Überwindung von Hemmschwellen

Als mit Ablauf des 23. Mai 1949 das Bonner Grundgesetz in Kraft trat, nahm zugleich eine Epoche der Strafrechtsgeschichte ein Ende. „Rot ist das Recht“, hatte es bis dahin geheißen, „im Blute leben ist seinen Jüngern ein Gebot. Wenn sie nur nach der Logik streben, hat's mit dem Rechten seine Not.“ Einer der letzten Todeskandidaten auf westdeutschem Boden saß damals in Dortmund ein und erwartete täglich, daß man ihn unter das Fallbeil schleppen würde. Stattdessen erschien eines Tages ein Beamter und verkündete: „Durch das Inkrafttreten des Grundgesetzes ist gemäß Art. 102 die Todesstrafe in der Bundesrepublik Deutschland abgeschafft.“ Nach all dem, was geschehen war, glaubte der Staat, den jahrhundertelang erhobenen Anspruch auf das Richtschwert verwirkt zu haben. 40 Jahre danach ist die Todesstrafe fast weltweit im Rückzug begriffen, in Europa beinahe ganz abgeschafft. Die Rechtspflege ist unblutig geworden.

In der Öffentlichkeit ist das Interesse am Abschlachten anderer Menschen allerdings nach wie vor groß. Bücher über Geschichte und Vollzug der Todesstrafe finden noch immer ihre Liebhaber, Aufzeichnungen von Scharfrichtern werden bibliophil gedruckt und empfehlen sich als gehobene Freizeitlektüre für kulturbeflissene Leser. Zweifellos geht es hinter dem Vorwand einer gespielten Entrüstung dabei vielfach nur um das zeitlose Vergnügen am Grausamen und Schauderhaften. Aber solche Schriften haben auch einen eigentümlichen intellektuellen Reiz: sie führen uns an Grenzsituationen menschlichen Seins. Das gilt nicht nur für den Delinquenten, dem der bevorstehende Tod, wie man gelegentlich gemeint hat, die Maske wegreißt, die er sein ganzes Leben hindurch getragen hat . Es gilt auch für den Scharfrichter, der bei seinem Geschäft offenbar spielend die letzte Hemmschwelle überwindet, die der menschlichen Natur gesetzt ist. Der Rechtshistoriker von Künßberg hat den Scharfrichter einmal die populärste Figur der Rechtsgeschichte genannt . Daran ist etwas Wahres; denn wenn auch unsere Sympathie in der Regel auf seiten des Opfers ist: unser Interesse gehört dem Henker.

Was sind das für Menschen, die ein derart unmenschliches Geschäft betreiben? Wie werden sie selbst damit fertig? Wie können sie ihre Selbstachtung bewahren? Solche Fragen haben nicht nur eine psychologische und historische, sondern auch eine ethische Dimension: Wo die Ethik derart auf Messers Schneide gebracht ist, darf man erwarten, manches anders zu sehen, als es sich anderwärts zu erkennen gibt.

Wer den Scharfrichter mit Ethik in Verbindung bringt, muß freilich auf Widerspruch gefaßt sein. „Zu Henkers Dienst drängt sich kein edler Mann“, heißt es nicht ohne Grund bei Schiller. Was aber hat der Unedle mit Ethik zu tun? Hätte er eine, so wäre er nicht Scharfrichter! Die verkommenen, fühllosen Subjekte, die uns vor allem im Bereich der bildenden Kunst als Scharfrichter entgegentreten, scheinen dem recht zu geben. Allein, es gibt auch andere, deren äußeres Gehabe von unauffälliger Normalität ist. Für diese gilt vermutlich das Gegenteil: Hätten sie keine Ethik, so könnten sie nachts nicht mehr ruhig schlafen, womöglich würde ihnen die Hand zittern, und sie könnten gar nicht mehr Scharfrichter sein. Ohne eine eigene Ethik läßt sich daher auf Dauer nicht einmal das Scharfrichtergewerbe betreiben. Das fühlte schon der Gesetzgeber der Bambergensis von 1507, wenn er sich sorgte, daß die Nachrichter „jr handtwerck ... mit guter gewissen ... treyben mögen“ .

Freilich braucht der Scharfrichter eine andere Ethik als andere Leute: eine, die ihn mit kalter Hand Wehrlose töten läßt und ihm dabei die Gewißheit verleiht, daß auch seine schlechte Sache immer noch eine gute ist. Wie geht das zu? Gibt es eine Ethik des Bösen, so wie es eine Ästhetik des Häßlichen gibt? Kann bei Bedarf etwa alles ethisiert werden, wenn man es durch die geeignete Brille betrachtet? Für solche Überlegungen ist der Scharfrichter das geeignete Objekt: Er zwingt zur theoretischen Zuspitzung; zugleich aber macht er die Sache unverfänglicher, weil wir uns alle in sicherer Entfernung von ihm wissen.

Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei noch einmal eigens betont, daß es im folgenden primär nicht darum geht, wie Scharfrichter ihr Geschäft tatsächlich gerechtfertigt oder entschuldigt haben. Von Interesse ist vielmehr, auf welche Rechtfertigungs- und Entlastungsmechanismen sie bei Bedarf zurückgreifen konnten; denn dadurch war ihr Amt objektiv mitgeprägt, ebenso wie etwa die Rolle eines Soldaten durch die Pflicht mitbestimmt ist, im Interesse einer gerechten Sache deren Feinde zu töten, mag der einzelne dies verstehen oder nicht.

II. Die Rechtfertigung der Todesstrafe aus der Harmonie der Welt

Als der Henker Don Carlos die Schlinge um den Hals legte, ermahnte er sein Opfer zur Ergebenheit: „Halten Sie still, Hoheit, es geschieht alles zu Ihrem Besten.“ Hinter solchen Worten steht sicher der Wunsch, die Hinrichtung möglichst reibungslos hinter sich zu bringen. Aus ihnen spricht zugleich aber das Vertrauen, aufgehoben zu sein in einer Welt, in der letztlich alles dem Vollzug eines göttlichen Heilsplanes dient.

Darin kann man gewissermaßen die „optimale Lösung“ des Problems erblicken: Das Abscheuliche, vor dem die Hand zurückschreckt, wird eingefügt in eine höhere Ordnung, die insgesamt dem Guten dient. Dadurch nimmt es am göttlichen Glanz teil und wird innerlich aufgewertet; das Richtschwert, das der Henker führt, wird gleichsam zum Richtschwert Gottes. Nichts anderes meint der fromme Spruch, der in so manche Scharfrichtersklinge eingraviert ist: „Soli Deo Gloria“ - nur zur Ehre Gottes. „Die Hand“, heißt es bei Luther, „die solch Schwert führet und würget, ist auch alsdenn nicht mehr Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott hänget, rädert, enthäupt, würget und krieget.“ Noch kürzlich gestand ein saudiarabischer Henker, er empfinde nach vollbrachter Tat Freude und Befriedigung: „Dank sei Gott, der mir die Macht gab, zu beenden, was gegen das Gesetz Gottes ist.“ Ganz in diesem Sinn brachte auch der Jesuitenpater Jakob Schmid 1738 ein Buch heraus, das den denkwürdigen Titel trug: „Das von der Welt verachte, bei Gott angenehme Völklein, das ist unterschiedliche Geschichten von ... allerhand heiligen Scharfrichtern und Henkersknechten, welche vorzeiten auf dieser Welt veracht, nunmehro in dem Himmel herrliche Glory genießen“.

Solche Zuversicht zu haben, war allerdings schon in Zeiten ungetrübter Gläubigkeit nicht leicht. Denn wenn auch die Kirche schon wegen der Glaubensdelikte der Ketzerei und Hexerei auf die Dienste berufsmäßiger Scharfrichter nicht verzichten konnte, so hielt sie sich doch - ebenso übrigens wie von Richtern, die Bluturteile unterzeichnet hatten - von ihnen fern. Mehr noch: Die Teilnahme an der Kommunion war Scharfrichtern bisweilen nur aufgrund eines Dispenses erlaubt. An manchen Orten wurde ihnen zeitweise selbst der Kirchgang, die kirchliche Hochzeit und ein kirchliches Begräbnis verwehrt . Das konnte das Vertrauen in einen göttlichen Auftrag leicht wankend machen. In der Tat war der Scharfrichter auf Bußfahrt im ausgehenden Mittelalter eine gewohnte Erscheinung . Wer über solche Widersprüche hinwegsah, konnte in dem Glauben, Vollzugsorgan einer göttlichen Gerechtigkeit zu sein, immerhin einen gewissen Rückhalt finden.

Schwieriger wurde dies, als in einer zunehmend auf das Diesseits ausgerichteten Gesell¬schaft der Mensch die Verantwortung für den Verlauf der Dinge selbst übernahm, als mithin an die Stelle des allumfassenden Heilsplanes das Wohl der Gesellschaft, an die Stelle der göttlichen Rache die menschliche Vernunft trat. Damit kam der Todesstrafe ihr bisher stärkster Rückhalt abhanden. „Wenn ... nur noch im Namen staatlicher oder gesellschaftlicher Notwendigkeiten oder Zweckmäßigkeiten gestraft wird“, bemerkte Radbruch einmal zu Recht, „im Namen vieldeutiger, zeitbedingter und umstrittener Wertsetzungen, dann zittert die strafende Hand.“ Aber soweit kam es vorerst nicht. Im Einflußbereich der deutschen Rechtsphilosophie wurde jedenfalls die verlorene göttliche Gerechtigkeit durch eine irdische Gerechtigkeit ersetzt, die zunächst nicht weniger rigoros war. „Selbst wenn sich die bürgerliche Gesellschaft mit aller Glieder Einstimmung auflöste“, lautet ein berühmtes Diktum Kants „müßte der letzte im Gefängnis befindliche Mörder vorher hingerichtet werden, damit jedermann das widerfahre, was seine Taten wert sind, und die Blutschuld nicht auf dem Volke hafte, das auf diese Bestrafung nicht gedrungen hat: weil es als Teilnehmer an dieser öffentlichen Verletzung der Gerechtigkeit betrachtet werden kann.“

Das eröffnete auch dem Scharfrichter ein neues, säkulares Selbstverständnis. „Fiat iustitia, pereat mundus“ liest man auf manchen alten Richtschwertern . Fahr hin, kann man dies übersetzen, damit die gestörte Ordnung der zivilisierten Welt wiederhergestellt werde. Vielleicht hat Sergeant John C. Woods, der Henker des Nürnberger Prozesses, sein Werk in diesem Bewußtsein verrichtet, vielleicht auch Henri Sanson, dem das Schicksal nach den Opfern des revolutionären Konvents auch die Jakobiner selbst auf die Schlachtbank lieferte. Beobachter wollen jedenfalls bemerkt haben, daß er Robespierre mit ungewohnter Grausamkeit behandelte.

Im Prinzip aber änderte sich durch die Säkularisierung der Welt nicht viel. Zwar gestalteten sich öffentliche Hinrichtungen in der Regel zu wahren Volksfesten, bei denen Plätze vermietet und Erfrischungen verkauft wurden . Der Vollzug des Geschäftes selbst aber blieb anrüchig. Die bürgerliche Gesellschaft war nicht weniger empfindlich als die Kirche, deren Nachfolge sie in gewissem Umfang antrat; sie benutzte den Scharfrichter zwar als willkommenes Werkzeug, hielt ihn jedoch auf Distanz. Jahrhundertelang mußte er außerhalb der Stadtmauern oder jedenfalls am Rande der Stadt wohnen, in einem düsteren „Henkershäuschen“, wie man es noch vielfach sehen kann. Neben seinem eigentlichen Geschäft war er nur zu den niedrigsten Verrichtungen zugelassen. Er reinigte vielfach die Straßen und Abtritte, war Abdecker und Hurenwirt, „Nonnenmacher“ (Kastrierer), Totengräber und was dergleichen schmutzige Geschäfte mehr sind . Während der Richter ein geachteter Mann war, wurde der Scharfrichter, wo es nur ging, gemieden: er war unehrlich, d.h. ohne bürgerliche Ehre, und seine bloße Berührung machte andere ebenfalls unehrlich. Das blieb im Grunde so, bis die dogmatischen Gesetze der Zünfte selbst gefallen waren. Nur einmal, in Frankreich zu Beginn der Revolution, wäre das Abschlachten der zum Tode Verurteilten beinahe zu einer Ehrensache geworden. „Wie ungerecht ... ist es“, führte der Graf von Clermont-Tonnerre bereits 1789 aus, „zu einem Menschen zu sagen: ich brauche dich, ich befehle dir, mir deinen Arm zu leihen; wenn du mir ihn nicht leihest, werde ich dich dazu zwingen; und wenn du ihn mir leihest, will ich dich für infam erklären.“ Nachdem die Guillotine das Geschäft des Köpfens auf einen Hebelgriff reduziert hatte, erklärten sich begeisterte Patrioten spontan bereit, die Gesellschaft mit eigener Hand von ihren „kranken Gliedern“ zu befreien. Als es jedoch ernst wurde, wollten die meisten nichts mehr davon wissen. Die alte Ordnung stellte sich rasch wieder ein, und die „Reinigung der Gesellschaft“ blieb das schmutzige Geschäft des professionellen Scharfrichters, der sehen mochte, wie er damit fertig wurde.

III. Delegation der Verantwortung

Wen eine Verantwortung trifft, die er selbst nicht tragen kann, bedient sich in der Regel eines einfachen Verfahrens: er schiebt sie von sich ab. Dabei wird immer wieder derselbe Mechanismus wirksam: unangenehme Arbeit schiebt man nach unten, unliebsame Verantwortung dagegen nach oben. Auf diese Weise entsteht im Handumdrehn eine Pyramide, bei der die Oberen immer saubere Hände, die Unteren dagegen ein sauberes Gewissen haben. Einem bloßen Befehlsempfänger wegen der erhaltenen Befehle Vorwürfe zu machen, wäre offenbar absurd. Deshalb macht er sich auch selbst keine. Darin kann man gewissermaßen die zweitbeste Lösung des Problems erblicken: die Tat wird ausgeführt von A, die sogenannte Verantwortung dafür trägt B.

In der modernen Gesellschaft zeichnet sich noch eine Steigerung ab, weil es ein klares Oben und Unten hier nicht mehr gibt, die Verantwortung für die gegebenen Befehle vielmehr auf alle verteilt wird. Der Strafvollzugsbeamte verweist so z.B. auf das Urteil, der Richter auf den Gesetzesbefehl und der Abgeordnete auf den Wählerauftrag. Persönliche Verantwortung wird dabei durch eine Art Arbeitsteilung so aufgespalten, daß jeder bei Bedarf auf andere zeigen kann. Wenn der Kreis geschlossen wäre und der letzte wieder auf den ersten zeigen könnte - wohin die Tendenz in der Tat geht -, so gäbe es keine Verantwortungsträger mehr, sondern nur noch Leute, die ihre Pflicht tun, und eine Gesellschaft, die zum Bedauern aller nun einmal solche Pflichten kennt.

In ständischen Gesellschaften war demgegenüber die Verantwortung noch klar verteilt. Das zeigt besonders ein Blick auf die Monarchie. Verantwortlich war hier in letzter Instanz der Monarch; auf ihn konnte sich jeder berufen. Unter anderem war der absolute Monarch oberster Gerichtsherr; schwere Strafurteile bedurften seiner Bestätigung und konnten dabei sowohl geschärft als auch gemildert werden. Die daraus resultierende Verantwortung mochte nicht jeder tragen. In der vorkonstitutionellen Monarchie aber war sie nicht delegierbar. Aus diesem Dilemma suchte Friedrich Wilhelm IV. von Preußen einen halbherzigen Ausweg. Wenige Wochen nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1840 erklärte er, seinem Gefühl widerspreche es, den Befehl zur Vollstreckung von Todesstrafen geben zu müssen; er wolle daher Todesurteile nicht mehr im Schuldausspruch bestätigen, sondern nur noch aussprechen, daß er von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch mache. Solange er frei war, diese Selbstbeschränkung wieder rückgängig zu machen, hob das freilich seine Verantwortung nicht auf.

Nutznießer dieses Systems war in unterster Instanz der Scharfrichter. Schon der Ausdruck „Nachrichter“, wie er häufig genannt wurde, läßt dies deutlich werden: Der Nachrichter beginnt sein Geschäft erst nach dem Richter, er ist also nur dessen Vollzugsperson. Die Verantwortung für den Inhalt des Urteils fällt allein dem Richter zu; der Nachrichter hat damit nichts zu tun. Auf diese Weise gelingt es dem Scharfrichter, seine Hände in Unschuld zu waschen, während er sie gleichzeitig mit Blut besudelt. Ganz in diesem Sinn ist auf manchen Richtschwertern der Spruch zu lesen: „Die Herren steuren dem Unheil, ich exequiere ihr Urteil.“ Oder kürzer: „Die Herren judizieren, ich tue exequieren“.

Niemand hat diesem Rechtfertigungsmechanismus bisher besser Ausdruck verliehen als v. Endter, der erste Herausgeber der Aufzeichnungen des Nürnberger Scharfrichters Meister Franz. „Und nun, alter, ehrlicher Franz“, heißt es in der 1801 gedruckten Einleitung, „laß mich noch einmal dein Andenken ... erneuern; ... laß noch einmal die vielen Opfer, die du, berechtigt und verpflichtet, schlachtetest, die als wahre oder eingebildete Opfer der Gerechtigkeit unter deinen Händen bluteten, seufzten und starben, mit feierlichem Ernst betrachten. - Dir bringen sie keine Schande! Du handeltest deiner Pflicht, deinem Beruf gemäß. Und waren auch deine Hände selten von Menschenblut rein geworden, - war es auch dein steter und einziger Beruf, Schmerzen und Tod zu verbreiten und deine Mitbrüder zu quälen oder zu töten: so konnte dir dieses nicht zum Vorwurf gereichen; denn du handeltest nicht nach eignem Gefühl und Instinkt, sondern auf Befehl derer, welche dir das Schwert in die Hand gaben.“

IV. Die Entschuldigungsbitte

Die Sophistik dieser Argumentation war aber wohl allzu durchsichtig, um Zweifel aus der Welt räumen zu können. Jedenfalls gelang es nicht allen Scharfrichtern, ihr Gewissen auf diese Weise zu beruhigen. Ähnlich, wie Primitive ein zu schlachtendes Tier vorher um Entschuldigung bitten, hielten es viele für ratsam, sich erst einmal der Verzeihung ihres Opfers zu versichern. In England kam es bei der Exekution von Adligen vor, daß der Scharfrichter vor dem Delinquenten regelrecht niederkniete und um Verzeihung bat. Von der Hinrichtung Mary Stuarts wird berichtet: „Die beiden Scharfrichter knieten nieder und baten sie um Vergebung für ihre Hinrichtung. Sie antwortete: Ich vergebe euch aus ganzem Herzen.“ Meist blieb es freilich bei einer formelhaften Bitte , die gelegentlich auch mit einem Handschlag verbunden war . Wie ein Anstaltsgeistlicher berichtet, der dieses Zeremoniell noch 1936 erlebt hat, reichte der Scharfrichter seinem Opfer vor der Fesselung die Hand mit den Worten: „Verzeih, was ich dir antun muß!“, und der Verurteilte schüttelte sie kräftig und sagte: „Du kannst do eh nix dafür!“ Das Ritual des Handschlags, das im deutschen Rechtskreis seit jeher von besonderer symbolischer Kraft war, sollte hier noch über den tiefsten Abgrund hinweg, den man sich denken kann, eine Versöhnung zwischen Mensch und Mensch zustande bringen.

Unserer zweckrationalen Gegenwart erscheint dieser Brauch wie eine Reminiszenz an eine ferne Zeit, in der Diesseits und Jenseits noch eine Einheit waren. Im Vertrauen auf diese Einheit lassen sich alle Widersprüche aushalten, denn vor einem solchen Hintergrund ist alle Realität nur Schein. Henker und Opfer fügen sich in das Unvermeidliche, wohl wissend, daß das letzte Urteil noch nicht gesprochen und daß vor dem höchsten Richterstuhl nach wie vor alles offen ist.

In früheren Zeiten war der Verurteilte um so eher geneigt, dabei mitzuspielen, als damals der Glaube verbreitet war, wer unmittelbar vor der Hinrichtung die Absolution erhalten habe und nicht durch Widerstand bei der Exekution neue Schuld auf sich lade, gehe sofort nach dem Schwertstreich des Scharfrichters in den Himmel ein . Von diesem Glauben kündet auch ein verbreiteter Schwertspruch: „Wenn ich das Schwert tu erheben, wünsch ich dem Sünder das ewige Leben. Führ ich mit Macht den Todesstreich, kommt er von Stund ins Himmelreich.“

In ganz anderer, ästhetisch verklärender Weise tritt uns diese Einstellung bei Hegel entgegen. Die alte Frau, von der Hegel in seinem Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“ erzählt, sieht in dem gerichteten Mörder weder allein den Mörder noch allein den schönen interessanten Mann. Sie findet vielmehr den Punkt, der den Widerspruch auf einer höheren Ebene verbindet und damit zugleich überwindet: „Das abgeschlagene Haupt war aufs Schafott gelegt, und es war Sonnenschein; wie doch so schön, sagte sie, Gottes Gnadensonne Binders Haupt beglänzt! ... Jene Frau sah, daß der Mörderkopf von der Sonne beschienen wurde und es also auch noch wert war.“

V. Der Amtsgedanke

Eine solche Versöhnung ist freilich nur da möglich und auch nur da nötig, wo der Mensch in allen Rollen, die er spielt, immer noch als ganzer präsent ist. Im gleichen Maße indessen, wie sich das Amt verselbständigt, wie Amtsperson und Privatperson auseinandertreten, hat die Privatperson mit dem, was sie im Amt verrichtet, nichts mehr zu tun. Aus dem Amtshandeln läßt sich mit zunehmender Ausdifferenzierung des Amtes auf die innere Einstellung des Trägers so wenig schließen wie aus der sprichwörtlichen Amtsmiene, die bei Bedarf aufgesetzt wird, um sogleich wieder abgesetzt zu werden. Der Amtsgedanke spaltet den Menschen gleichsam in zwei Personen auseinander, die beide ein Eigenleben führen. Auf diese Weise gelingt es dem Amtsträger, eine Wand aufzubauen zwischen dem, was er tut, und dem, was er ist. Er kann im Amt als Menschenschlächter auftreten und dennoch ein treuer Freund, guter Ehemann und lieber Vater sein. Mit der Amtskleidung legt er zugleich sein Amtshandeln ab und kehrt unversehrt ins Privatleben zurück.

So findet man unter den Scharfrichtern erstaunlich viele Biedermänner. Über den Wiener Scharfrichter Lang, einen ehemaligen Kaffeehausbesitzer, wird noch zu Lebzeiten berichtet: „Der Mensch Josef Lang besitzt ein gar weiches Herz; er kann keinem Tiere etwas zuleide tun, und mancher Kutscher hat sich böse Händel mit ihm eingewirtschaftet, wenn er seine Pferde roh mißhandelte“ . Von einem anderen heißt es, daß er sein Lieblingshuhn nicht schlachten konnte; wieder einer - „ein tiefreligiöser Mensch“ - wurde im Anschluß an seine Scharfrichtertätigkeit Laienprediger und überzeugter Gegner der Todesstrafe. Im Amt freilich war von all dem selbstverständlich nichts zu merken.

Zur Entschuldigungsbitte steht der Amtsgedanke ganz offenbar in einem merkwürdigen Widerspruch: die Amtsperson kann sich nicht entschuldigen, weil sie keine menschlichen Regungen kennt; die Privatperson braucht es nicht, weil sie bei dem Amtsgeschäft gar nicht im Spiel ist. Es war daher vielleicht nicht sonderlich human, aber doch konsequent, wenn Luther den Brauch der Entschuldigungsbitte entschieden bekämpfte. Unter dem Papsttum, meinte er, mußte der Henker „büßen und dem Verdammten vorhin abbitten, was er an ihm tun würde; als ob sie schuldig würden, wenn sie Schuldige verurteilten und sie richteten, wo es doch nur ihr besonderes Amt war“.

Allerdings gelang die Auflösung dieses Widerspruchs nicht überall so problemlos. Das Gefühl, daß der Mensch vor der Verantwortung für sein Amtshandeln nicht einfach ins Privatleben entfliehen kann, ließ sich nicht so leicht verdrängen, und mit ihm hielt sich auch die Entschuldigungsbitte noch lange Zeit. Wie so oft, waren die Menschen auch hier nicht bereit, sich den Konsistenzanforderungen des Denkens zu unterwerfen, und wie man sieht, ist das auch manchmal gut so. Als man dem Strafrechtler Feuerbach vorhielt, eine Amtsperson könne wegen einer Amtshandlung nicht wohl um Verzeihung bitten, erwiderte er, nicht der Scharfrichter bitte den Malefikanten um Verzeihung, sondern der Mensch den Menschen. Um die selbst in dieser Situation noch sichtbar werdende Menschlichkeit zu überwinden, war auch der Amtsgedanke nicht stark genug.

Erst der Nationalsozialismus war in der Lage, eine absolute Scheidewand zwischen den Menschen selbst aufzurichten, indem er den Verbrecher als „Untermensch“ abqualifizierte . Das erleichterte dem Scharfrichter zwar nicht die Distanzierung von seinem zweifelhaften Geschäft; wohl aber machte es das Geschäft selbst zu einem anderen: Die Hinrichtung wurde vergleichbar mit dem Abschlachten schädlicher Tiere. Zu dieser Haltung paßt es, wenn der Nationalsozialismus den Brauch der Entschuldigungsbitte offenbar endgültig abschaffte.

VI. Hinrichtung als Kunstwerk

Die bisher betrachteten Strategien laufen meist darauf hinaus, den Scharfrichter zu entlasten. Parallel damit geht aber noch ein anderes Verfahren einher, das es dem Scharfrichter auf einfache Weise gestattet, zu seinem Beruf ein positives Verhältnis zu entwickeln. Der Scharfrichter schiebt die Verantwortung für sein Tun nämlich nicht gänzlich von sich ab. Er entlastet sich nur von der Verantwortung für die Richtigkeit des Urteils; die Verantwortung für die Durchführung dagegen behält er, und darauf gründet sich eine eigentümliche Ehre . Zwar will der Scharfrichter nur ausführendes Organ sein; an der Ausführung jedoch soll es nichts auszusetzen geben. Je perfekter der Urteilsvollzug gelingt, desto besser gelingt zugleich die Ablenkung von dem eigentlichen Problem, daß dabei ein Mensch bewußt zu Tode gebracht wird . Es ist das Vollzugsethos des für die Sache selbst nicht verantwortlichen Befehlsempfängers schlechthin.

Namentlich die Enthauptung mit dem Schwert wird immer wieder zu einem Kunstwerk hochstilisiert, das seinen Meister fordert wie jede andere Kunst. Das nimmt gelegentlich groteske Züge an. Wie eine noch heute kolportierte Anekdote berichtet, geriet bei einem Henkerwettstreit der zweite Finalist einmal in die Lage, eine schier unüberbietbar präzise Enthauptung durch seinen Vorgänger noch übertreffen zu müssen. Er ließ die Klinge so schnell durch den Nacken seines Opfers zucken, daß man es kaum sehen konnte und der Kopf auf den Schultern sitzen blieb. Erst die freundliche Aufforderung: „Nicken Sie mal!“ brachte ihn wirklich zu Fall. Ein Bewerber um das Lübecker Scharfrichteramt soll dieselbe Leistung mit einem Streich gleich an zwei Missetätern vollbracht haben. Aus Hamburg wird berichtet, daß ein gewisser Klaus Flügge mit einem einzigen Hieb sogar sechs Köpfe abgesetzt haben soll.

Hinter solchen Geschichten verbirgt sich blutiger Ernst, denn das kunstgerechte Töten war eine schwierige Sache, die gelernt sein mußte, und der Scharfrichter war auf seine Kunst stolz und liebte es, damit zu kokettieren wie andere Künstler auch. Die Bezeichnung „Meister“, die er einmal führte, war keineswegs nur ironisch gemeint; der Abdecker, eine Rangstufe tiefer, galt jedenfalls nur als „Halbmeister“. Vor seiner Anstellung mußte der Scharfrichter häufig als „Meisterstück“ eine kunstgerechte Enthauptung nachweisen können; vom 18. Jahrhundert an wurden sogar regelrechte Prüfungen eingeführt . Was der „Meister“ alles einmal beherrschen mußte, nimmt sich in der euphemistischen Verkleidung der Fachsprache so aus:„zierlich zeichnen“ (brandmarken), „einen feinen Knoten schlagen“ (hängen), „rasch absetzen“ (köpfen), „artlich mit dem Rade spielen“ (rädern) und „nett tranchieren“ (vierteilen).

Vor allem der zielgenaue Schlag mit dem Schwert erforderte Kraft und Konzentration. In den Quellen wird häufig davon berichtet, daß Scharfrichter daneben hauen - „putzen“, wie es in der Fachsprache heißt-, bisweilen sogar mehrmals hintereinander. Das darf einem guten Vollzugsorgan nicht passieren. Wenn schon Kopf ab, dann wenigstens lege artis. Nach vollzogener Hinrichtung findet deshalb lange Zeit ein eigenes Ritual statt: Der Scharfrichter fragt, ob er recht gerichtet habe, und der Richter bestätigt ihm: ja, du hast recht gerichtet. Selbst nach Einführung des Beils, ja selbst des Fallbeils, womit der Scharfrichter zu einem „Maschinisten“ wird, bleibt immer noch Raum, eine mehr oder weniger große Kunstfertigkeit zu entfalten. Der geschickte Henker läßt sein Opfer nicht lange warten, sondern stößt es mit einem entschlossenen Griff gegen die „Bascule“ oder direkt unter die „Lunette“, so daß der Kopf herunter ist, kaum daß der Delinquent die Hinrichtungsmaschine zu Gesicht bekommen hat.

Aus der Sicht des Opfers waren solche Fertigkeiten freilich nur im Normalfall von Vorteil. Lautete der Auftrag dagegen auf einen langsamen, qualvollen Tod, so konnte der subalterne Ehrgeiz des Scharfrichters kafkaeske Züge annehmen. Es ging dann darum, den Delinquenten bei kleiner Flamme zu verbrennen oder ihn möglichst lange am Spieß oder auf dem Rad leben zu lassen. Ein letztes Beispiel kunstvoll verzögerter Vierteilung bot die Hinrichtung Damiens in Paris im Jahr 1757. War es dagegen, wie meist, nur um das Geschäft des Tötens schlechthin zu tun, so konnte sich immerhin eine makabre Humanität entfalten. Kunstgerechtes Töten hieß dann nämlich, das Opfer möglichst schnell und schmerzlos hinzurichten.

Nachdem die grausamen Todesstrafen praktisch abgeschafft worden waren, bevor auch modernes technisches Gerät ein übriges tat, konnte der Scharfrichter daher durchaus in dem Bewußtsein handeln, durch seine Kunst „Schlimmeres zu verhüten“. Das Fatale ist, daß dies für den guten Finalisten in der Regel sogar zutrifft. So treten uns manche Scharfrichter auf den erhaltenen Porträts durchaus als gestandene Mannspersonen gegenüber, stolz auf ihre Kunst, in der sie sich so leicht nicht überbieten lassen, menschliche Werkzeuge, die sich auf ihr präzises Funktionieren etwas zugute halten.

VII. Amtsverweigerung

Aber auch das Berufsethos des prompten Befehlsempfängers erklärt vielleicht nicht alles. Gewissensfragen haben es meist an sich, daß sie durch keine noch so geschickte Dialektik zum Verschwinden gebracht werden können. Unter den Scharfrichtern fanden sich neben gewissenlosen Subjekten genug andere, die als geschickte Heilkundige oder gar Halbgebildete auch durch langjährige Gewohnheit nicht so abgestumpft waren, daß sie den Widerstand menschlichen Fühlens gegen ihr Gewerbe nicht doch empfunden hätten. Das beweist mehr als alles andere die hohe Zahl derer, die, geplagt von Gewissensbissen, schließlich durch Selbstmord endeten. Daß Scharfrichter ihr Amt vorzeitig aufgegeben hätten, kam indessen selten vor. Was hielt sie davon ab?

Richtig ist sicher, daß man einem bestallten Scharfrichter den „Abschied“ früher nicht ohne weiteres gewährte. Solange der Scharfrichter „unehrlich“ war, standen dem zweifellos auch noch andere Hindernisse entgegen. Oft hatten die Scharfrichter ihren Beruf von ihrem Vater übernommen, weil ihnen als Scharfrichterskinder alle anderen Wege versperrt waren. Sie konnten daher auch später nicht einfach zu einem anderen Gewerbe überwechseln. Als die Standesschranken gefallen waren, die Todesstrafe auch so selten geworden war, daß der Scharfrichter sein Geschäft oft nur noch im Nebenamt versah, hätte er freilich ohne viel Umstände davon lassen können. Warum blieb er trotzdem dabei?

Nehmen wir ein Beispiel. Im Frühjahr 1820 sollte in Mannheim der Student Karl Ludwig Sand hingerichtet werden, weil er im Jahr zuvor den Schriftsteller Kotzebue, der als Agent des verhaßten russischen Zaren galt, ermordet hatte. Sand schlug wegen seiner patriotischen Beweggründe viel Sympathie entgegen. Das ließ auch den zuständigen Scharfrichter nicht unbeeindruckt: „Der Scharfrichter von Heidelberg“, wird berichtet, „verweigerte ganz entschieden die Vollstreckung des Urteils und erklärte sich bereit, seine einträgliche Stelle niederzulegen.“ Aber im Ergebnis half dies nichts: „Man requirierte den Scharfrichter von Speyer, der nicht so menschenfreundliche Skrupel hegte wie sein Heidelberger Kollege“, und die Hinrichtung vornahm. Als 1848 in Wien der bekannte Demokrat Robert Blum gehängt werden sollte, scheint der Wiener Scharfrichter dazu ebenfalls nicht bereit gewesen zu sein. Daraufhin wurde Blum am 9. November 1848 vor ein Erschießungspeloton gestellt.

Solche Ausnahmefälle machen deutlich: Der einzelne Scharfrichter mag sich verhalten, wie er will, er hält den Lauf der Dinge nicht auf. Irgendeiner wird sich immer finden, der seine Skrupel überwindet. Früher, als der Henker noch als Ausgestoßener vor der Stadt wohnen mußte, mag es zuweilen schwierig gewesen sein, eine vakante Stelle neu zu besetzen. Seit dem Ende der alten „Unehrlichkeit“ aber kann in solchen Fällen mit hunderten von Bewerbern gerechnet werden, die sich geradezu drängen, den fatalen Hebel bedienen zu dürfen.

Dies vorausgesetzt, läßt sich die Entlastungsdialektik auf eine äußerste Spitze treiben: Die Tat des einzelnen ist im gewissen Sinn gar nicht kausal, denn sie kann hinweggedacht werden, ohne daß der Erfolg entfällt. Zwar ist der Scharfrichter sichtbar in eine Dramaturgie verstrickt, die unaufhaltsam zur Hinrichtung des Delinquenten führt; aber jeder andere, der nicht offen aufbegehrt, ist daran nicht weniger beteiligt. Das Beispiel beweist ja: nicht der Scharfrichter persönlich betreibt das Geschäft des Tötens, sondern die Gesellschaft, die die Tötung organisiert und vorschreibt. Warum sollte man sich wegen einer Sache Vorwürfe machen, die zu ändern man als einzelner gar nicht die Macht hat? Wenn Pontius Pilatus seine Hände in Unschuld waschen konnte, dann kann der Scharfrichter dies auch.

Ganz ungewollt führt uns der Scharfrichter so zuletzt noch an die Grenzen des autonomen Subjekts überhaupt: Zwar kann er seine Mitwirkung versagen. In Bereichen, wo jeder durch einen beliebigen andern ersetzbar ist, läßt sich durch individuelle Verweigerung indessen nichts bewirken. Wirkung zeigt hier nur das kollektive Handeln vieler, die ihre Auffassung mit rechtlichen Mitteln für andere verbindlich machen. Wäre es anders, stünde der Beruf des Scharfrichters nach wie vor in Blüte.

(Um die Fußnoten verkürzter Text. Die Anmerkungen finden sich in JZ 1990, 725 -730.)